McGuffin Foundation http://mcguffin.blogsport.de Tue, 17 Nov 2015 07:09:20 +0000 http://wordpress.org/?v=1.5.1.2 en 19. November, Leipzig: *To be the guitarist* http://mcguffin.blogsport.de/2015/11/17/19-november-leipzig-to-be-the-guitarist/ http://mcguffin.blogsport.de/2015/11/17/19-november-leipzig-to-be-the-guitarist/#comments Tue, 17 Nov 2015 07:07:29 +0000 Emma McGuffin Foundation http://mcguffin.blogsport.de/2015/11/17/19-november-leipzig-to-be-the-guitarist/ - oder wie es dazu kam, dass trotz aller Gleichheitsversprechen eine Geschlechterordnung existiert und sich niemand daran stört.

Ein Abend mit der McGuffin Foundation zu Geschlechterungleichheiten, Sexismus, feministischer Kritik – und warum das, was nervt, immer wieder zu kritisieren ist, bis es endlich weg ist. (EinsteigerI_*nnenlevel).

Eröffnungsveranstaltung der Veranstaltungsreihe „Zweimal nein heißt einmal ja?“ von Kulturraum e.V. (KreV).

Donnerstag, 19. November 2015, 19 Uhr, Leipzig, Institut für Zukunft, An den Tierkliniken 38

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17. April, Leipzig: Unbridging the gap – zur überbordenden Brüchigkeit weiblicher Subjektwerdung http://mcguffin.blogsport.de/2015/04/12/17-april-leipzig-unbridging-the-gap-zur-ueberbordenden-bruechigkeit-weiblicher-subjektwerdung/ http://mcguffin.blogsport.de/2015/04/12/17-april-leipzig-unbridging-the-gap-zur-ueberbordenden-bruechigkeit-weiblicher-subjektwerdung/#comments Sun, 12 Apr 2015 09:19:05 +0000 Emma McGuffin Foundation http://mcguffin.blogsport.de/2015/04/12/17-april-leipzig-unbridging-the-gap-zur-ueberbordenden-bruechigkeit-weiblicher-subjektwerdung/ Ein Abend mit der McGuffin Foundation.

Mit dem Frau sein hat es so seine Bewandtnis. Schon sich als Mädchen herzustellen, heißt: für andere. Und auch später werden Männer jeweils als abgegrenzte Subjekte behandelt, Frauen scheint etwas zu fehlen. Diese Lücke muss dauernd unsichtbar gemacht werden – ohne sie jemals wirklich beseitigen zu können. Die Möglichkeit, noch besser zu werden, gilt immer weiter. Unabhängig davon, wie ausgefeilt die Gegenstrategien sind: Sie reichen nie aus.

In ihrem aktuellen Kassiber schreibt die McGuffin Foundation: „Das Ziel, wirklich Frau zu sein, kann niemals erreicht werden, das ständige Streben und Perfekterwerden ist dieser Subjektwerdung genuin eingeschrieben. Egoistisches Verfolgen des eigenen Glücks kann in Weiblich, das heißt, mit ständigem Bezug zur Umgebung, gar nicht gedacht werden. Daher ist der Gedanke, ganz selbstbestimmt den goldenen Weg herein ins schöne Leben finden zu können, ebenso affirmativ wie – vor allem – falsch.“

Die McGuffin Foundation hat es sich zum Ziel gesetzt, die schottische Revolutionärin und Feministin Emma McGuffin und ihre Wirkungsgeschichte zu erforschen, für ein größeres Publikum zugänglich zu machen sowie den politischen Gehalt ihrer Tätigkeit aktuell neu zu denken. An diesem Abend gehen Mitglieder der Foundation näher auf die Tücken der Ich-Bildung, auf Überbrückungszwänge sowie auf die Frage ein, wie sich die Sache mit der Lücke historisch verorten lässt.

Freitag, 17. April 2015, 19.30 Uhr, Leipzig, translib, Goetzstr. 7

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31. Januar, Berlin: Lücken, Brücken, Ich-Tücken … zur überbordenden Brüchigkeit weiblicher Subjektwerdung http://mcguffin.blogsport.de/2015/01/14/31-januar-berlin-luecken-bruecken-ich-tuecken-zur-ueberbordenden-bruechigkeit-weiblicher-subjektwerdung/ http://mcguffin.blogsport.de/2015/01/14/31-januar-berlin-luecken-bruecken-ich-tuecken-zur-ueberbordenden-bruechigkeit-weiblicher-subjektwerdung/#comments Wed, 14 Jan 2015 15:05:12 +0000 Emma McGuffin Foundation http://mcguffin.blogsport.de/2015/01/14/31-januar-berlin-luecken-bruecken-ich-tuecken-zur-ueberbordenden-bruechigkeit-weiblicher-subjektwerdung/ Ein Abend mit der McGuffin Foundation.

Im aktuellen Kassiber der McGuffin Foundation heißt es: „Jeder Versuch, Person und nicht nur Frau zu sein, führt dazu, dass Frauen am Ende alles tun müssen – die ihnen gesellschaftlich zugewiesenen Aufgaben und zudem noch den vielen Kram, von dem sie sich zwar wünschen, dass andere ihn tun, von dem sie aber in Wirklichkeit bereits sowieso wissen, dass sie alles besser können, früher bedenken und umsichtiger durchführen. Da sich die Dagegen-Haltung in Weiblich als nahezu gleichermaßen anstrengend herausstellt wie der affirmative Weg, ist es kein Wunder, dass das verlockende Glücksangebot des Aufgehens im Ehefrau-und-Mutter-Dasein auch wider besseres Gewussthaben immer wieder so viele Frauen in seinen Bann zieht.“

An diesem Abend gehen Mitglieder der Foundation näher auf die Tücken weiblicher Subjektwerdung, auf Überbrückungszwänge sowie auf die Frage ein, ob die Sache mit der Lücke historisch verortbar ist.

Samstag, 31. Januar 2015, 19 Uhr, Berlin, Monarch, Skalitzer Str. 134 / 1.Stock

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Der Kampf um Kobanê ist ein Kampf um Emanzipation http://mcguffin.blogsport.de/2014/10/24/der-kampf-um-kobane-ist-ein-kampf-um-emanzipation/ http://mcguffin.blogsport.de/2014/10/24/der-kampf-um-kobane-ist-ein-kampf-um-emanzipation/#comments Fri, 24 Oct 2014 14:30:38 +0000 Emma McGuffin Foundation http://mcguffin.blogsport.de/2014/10/24/der-kampf-um-kobane-ist-ein-kampf-um-emanzipation/ Die Yezidische Jugend Hamburg/Bengeh Ezdiyati ruft auf zum Protest gegen die anhaltenden Attacken des „Islamischen Staates“ auf Şengal und die genozidale Bedrohung der Yeziden im Irak. Die McGuffin Foundation unterstützt diesen Aufruf. Am Samstag, 25. Oktober 2014, soll aus Solidarität mit den Kämpfenden von Şengal und Kobanê und allen vom „Islamischen Staat“ bedrohten Menschen in Hamburg demonstriert werden.

Aufruf:

“Wir versklaven, verkaufen und teilen yezidische Frauen und Kinder unter uns auf“, heißt es in „Dabiq“, einem Organ des „Islamischen Staates“ (IS oder dem arabischen Akronym entsprechend: Daʿesh). Anders als Christen und Juden, die Tod und Versklavung durch die erpresste Zahlung eines Schutzgeldes entfliehen können, seien Yeziden “absolute Ungläubige” und fielen somit als ”Beute” an die Kämpfer des “Islamischen Staates”. Weit über 3000 Yeziden wurden seit den Attacken auf Şengal, wo ein Großteil der irakischen Yeziden leben, verschleppt. Diese Sklavenökonomie ist eine weitere perfide Form der genozidal verfolgten Ausrottung der als “absolut Ungläubige” und “Teufelsanbeter” verunglimpften Yeziden:

Seit den 1970ern waren die Yeziden einer gnadenlosen Arabisierung durch das Regime von Saddam Hussein unterworfen, ihre Dörfer wurden verbrannt und ihr Boden an staatshörige Sunniten übereignet. Auch nach den jüngsten islamistischen Attacken auf die Yeziden in Şengal wurde die Kollaboration sunnitischer Stämme, die die Attacken des “Islamischen Staates” unterstützten, mit einem Anteil an der “Beute“ entgolten.
Am 14. August 2007 riss in Şengal eine Serie von Autobomben 796 Menschen in den Tod. Ein zur Kamikaze frisierter LKW war als Warentransport getarnt und hatte somit eine größere Ansammlung von Menschen provoziert. Zwei weitere Suizidmörder rasten nach der ersten Detonation in die Grüppchen von Überlebenden. Wenige Monate zuvor hatte “al-Qaida im Irak“, dessen aktuellste Verkörperung der “Islamische Staat” ist, es für “verboten” erklärt, an Yeziden Esswaren zu verkaufen. Einerseits sollten so die yezidischen Territorien ausgehungert werden, andererseits konnten die Islamisten so ihre Todeskarawane als erhoffte Hilfslieferung tarnen.

In den letzten Tagen verstärkten die Islamisten ihre Attacken auf Şengal. Sie drängen nun in das Gebirge hinein, wo noch tausende geflüchtete Yeziden ausharren. Einzig Sherfedîn, wo ein den Yeziden heiliger Schrein liegt, kann von den yezidischen Selbstverteidigungsbrigaden noch gehalten werden. Die Tage zuvor hatten diese wieder und wieder eingefordert, dass man ihnen zu Hilfe komme: mit Munition und vor allem Luftbombardements auf die Frontverschiebungen des “Islamischen Staates” Richtung Şengal. Doch wie im Juli und August, als der “Islamische Staat” an wenigen Tagen hunderttausende Christen und Yeziden in die Flucht zwingen konnte, passiert viel zu wenig. Monatelang forderten etwa die Selbstverteidigungsbrigaden Rojavas (YPG) das Mindeste ein, womit sie den massiven Attacken des “Islamischen Staates” entgegnen können: Selbst Detektoren und Deaktivierungstechnik zur Entschärfung von Autobomben wurden ihnen allzu lange verweigert. Kobanê in Rojava etwa musste zu 30 oder 40 Prozent an den “Islamischen Staat” fallen bevor zumindest die US-Amerikaner mit verstärkten Luftbombardements und Munitionstransporten den Aufgeriebenen beikamen. Wenn irgendetwas ein System hat, dann dass jede konkrete Solidarität bis aufs Äußerste hinausgezögert wird. So empfand auch Deutschland, der drittgrößte Waffenexporteur, eine Aufrüstung der Peshmerga als Reaktion auf die Attacken des “Islamischen Staates” auf Şengal zunächst als „falsche Antwort“ und drängte die Bedrohten, sich wieder den Intrigen des Iran-hörigen Maliki-Regimes in Baghdad zu unterwerfen, bevor damit begonnen wurde, den Peshmerga Militärschrott zu liefern.

Im syrischen und irakischen Kurdistan wurde eine Entwicklung eingeschlagen, die konträr liegt etwa zum islamistischen Rollback in der Türkei und der Grabesruhe im Mittleren Osten. In den von den Selbstverteidigungsbrigaden Rojavas (YPG) beherrschten Territorien werden Menschen in Absehung ihrer Nationalität und Konfession vor der Aggression des “Islamischen Staates” verteidigt. Auch Teile der christlichen assyrisch/aramäischen Milizen sind mit der YPG verbündet und verteidigen, Seite an Seite, den östlich von Kobanê gelegenen Kanton Jazira (aramäisch: Gozarto) in dem auch viele yezidische Geflüchtete ausharren. Neben Christen organisieren sich tausende junge Frauen in den Selbstverteidigungsbrigaden. Das Versprechen, das sich die kurdischen Rekrutinnen geben, „Jin Jiyan Azadî” (Frau – Leben – Freiheit), ist angesichts der Frauenverachtung und Todesbeschwörung der Islamisten, “Wir lieben den Tod wie ihr das Leben”, jener Konter auf die genozidale Aggression, der keinen Zweifel daran lässt, was es vorrangig zu verteidigen gilt: die Hoffnung auf ein besseres, solidarisches Leben.

In diesem Sinne rufen wir alle auf, in Solidarität mit den Kämpfenden von Şengal und Kobanê und allen vom “Islamischen Staat” bedrohten Menschen zu demonstrieren.

Yezidische Jugend Hamburg/Bengeh Ezdiyati

Mitunterzeichner: Suryoye Kulturverein Hamburg e.V., Jüdische Gemeinde Pinneberg, Initiative gegen Antisemitismus und Antizionismus (IgAA), McGuffin Foundation

Samstag, 25. Oktober 2014, 16 Uhr, Hamburg, Hauptbahnhof/Hachmannplatz

Facebook-Event: https://www.facebook.com/events/292673820941810/

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Out now: McGuffin Kassiber #5 – Das Private ist privat http://mcguffin.blogsport.de/2014/07/10/19-juli-hamburg-plan-b-release-party-mcguffin-kassiber-5/ http://mcguffin.blogsport.de/2014/07/10/19-juli-hamburg-plan-b-release-party-mcguffin-kassiber-5/#comments Thu, 10 Jul 2014 16:17:20 +0000 Emma McGuffin Foundation http://mcguffin.blogsport.de/2014/07/10/19-juli-hamburg-plan-b-release-party-mcguffin-kassiber-5/ darin u. a.:
* Das Private ist privat – Über „Gewalt“ und das Aufgehen des Politischen im Privaten
* Boxcar Emma – Emma McGuffin unter den Hobos
* Das Unglück zurückschlagen, bevor es eingetroffen ist – Notizen zur überbordenden Brüchigkeit weiblicher Subjektwerdung

Vier Jahre des Forschens und Diskutierens sind seit dem vorherigen Kassiber der McGuffin Foundation vergangen. In dieser Zeit hat die Foundation ihr Ziel weiterverfolgt, die schottische Revolutionärin und Feministin Emma McGuffin und ihre Wirkungsgeschichte für ein größeres Publikum zugänglich zu machen sowie den politischen Gehalt ihrer Tätigkeit aktuell neu zu denken.

In dieser Ausgabe gilt die Beschäftigung zuvorderst der ausgedehnten privaten Sphäre und den Fisimatenten weiblicher Subjektbildung. Die McGuffin Foundation, Sektion Berlin, ist den Spuren Emma McGuffins Anfang des 20. Jahrhunderts in den USA gefolgt. Außerdem in dieser Ausgabe: der Text „Der nicht benannt werden darf“ von Februar 2013 zum deutschen Antisemitismus.

Gegründet 1962 in Edinburgh, blickt die McGuffin Foundation heute auf eine jahrzehntelange Forschungsgeschichte zurück. Mitglieder
aus 93 Ländern sind in ihr organisiert. Zuletzt konnte die Foundation mit großer Freude die neu gegründete Sektion Jerusalem begrüßen.

Auch diese fünfte Ausgabe des Kassibers gibt es nicht nur als Download, sondern zusätzlich als gedrucktes Heft, erhältlich auf ausgesuchten Veranstaltungen sowie in Hamburg im Buchladen Strips & Stories, Seilerstraße 40, und in Wien in der Buchhandlung ChickLit, Kleeblattgasse 7.

Um ein Ex­em­plar per Post zu be­stel­len, bitte einen mit 145 Cent fran­kier­ten, adres­sier­ten Rück­um­schlag (DIN A5) sowie vier 60-​Cent-​Brief­mar­ken an Strips & Sto­ries, Sei­ler­stra­ße 40, 20359 Ham­burg schi­cken.

Als PDF downloaden mit einem Klick auf das Titelbild:


Download: McGuffin Kassiber #5

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BARBAREI IN SCHEIBEN reloaded http://mcguffin.blogsport.de/2014/05/14/barbarei-in-scheiben-reloaded/ http://mcguffin.blogsport.de/2014/05/14/barbarei-in-scheiben-reloaded/#comments Wed, 14 May 2014 20:55:57 +0000 Emma McGuffin Foundation http://mcguffin.blogsport.de/2014/05/14/barbarei-in-scheiben-reloaded/ Aus dem McGuffin Kassiber 1/2004

In den letzten Monaten waren 200 plastinierte menschliche Leichen und –teile in lustigen Posen im Hamburger Erotic Art Museum ausgestellt. Einen größeren Skandal in den Medien stellte die Körperschau, die mit ihren allerorten plakatierten enthäuteten Exponaten lüstern den Tabubruch zelebrierte, nicht dar: Die Hamburger Medien unterstützten die Ausstellung; die ‚Hamburger Morgenpost‘ hatte bereits im Vorfeld den Versuch des Bezirksamtes, einige Exponate zu verhindern, mit der Schlagzeile „zensiert!“ angeprangert, das Hamburger Abendblatt gab sich pseudo-ausgewogen: So versicherte dort auch der „kontra“-Autor der „pro“ und „kontra“-Gegenüberstellung, er hätte die Ausstellung bereits selbst gesehen, und sie sei keinesfalls „unästhetisch oder gar eklig“. Die ‚taz‘ bewunderte die „brillante“ Argumentation Hagens.

Protest kam von überregionaler konservativer Seite: die ‚Zeit‘ kritisierte die „Parodie der Auferstehung“; die ‚Welt‘ urteilte: „Die Körperwelten sind kein ‚Disneyland der Anatomie‘ – sie sind ein Scheiterhaufen des guten Geschmacks. Wer Tote zum Ausstellungsobjekt reduziert, spielt mit der Würde des Menschen, die auch mit dem Tod nicht endet“ und rief gar zum Boykott der Ausstellung auf. In München, wo die Ausstellung zuvor schon zu sehen war, hatte die CSU politischen Einspruch erhoben.

Was die moralische Empörung von der ‚Zeit‘ bis zur CSU eint, ist das Einverstandensein mit dem, was die Gesellschaft mit den lebendigen Körpern anstellt: Ihre radikalisierte Sortierung nach Kriterien kapitalistischer Vernutzbarkeit. Dies ist auch die unausgesprochen bleibende Grundlage von Befürwortern und Kritikern der Ausstellung: Beide Fraktionen (Hagens/ CSU) haben nichts dagegen, wenn das mit Lebenden passiert, was die eine Seite (CSU) an der anderen (Hagens) an Toten kritisiert: eine komplette Verwertung des Menschen in allen Bereichen.

AUF TABUS SURFEN
Die Stadt gewöhnte sich an den Anblick der Leichenausstellungs- Plakate, Kritik von links blieb aus und die Ausstellung ging ihren geregelten Gang. Die einzigen, die verzweifelt versuchten, zumindest kleinere Skandälchen zu produzieren, waren die beiden Hauptsponsoren, ‚Radio Hamburg‘ und ‚Mopo‘. ‚Radio Hamburg‘ stellte im Studiofenster einen plastinierten Torwart in Aktion aus, so dass PassantInnen noch nicht einmal wie in der Ausstellung willentlich auf die Toten trafen, sondern unvermittelt vor der Leiche standen. Die ‚Mopo‘ begleitete den Totenfreund auf einem kleinen nächtlichen Spaziergang mit ein paar seiner Ausstellungsobjekte an so pittoreske Orte wie den Hafenrand, das Millerntorstadium und die Herbertstraße.

Während Hagens die grinsenden Toten an schillernden Orten neu als lebend inszenierte, fand kein öffentlicher Aufschrei der Empörung statt. Zwar ermittelt nun die Staatsanwaltschaft wegen Störung der Totenruhe – gesellschaftlich aber ist Hagens voll akzeptiert.

Wer gehofft hatte, durch Hagens das bestehende Tabu der Sichtbarkeit von Toten durch ‚Körperwelten‘ schwinden zu sehen, hat sich geirrt. Die Ausstellung bricht dieses Tabu in keiner Weise, sondern stellt ein Spektakel auf Basis des Tabus dar. Die Tabubrüche, welche die Ausstellung vornimmt, revolutionieren nichts außer der Ausstellung selbst.

HAGENS VS. GOTT
Die Kirchen wenden sich gegen die Ausstellung, da sie in ihre Pfründe eingreift. So wenig sie sich sonst in den Wahnsinn einmischen, der mit den Lebenden passiert, so wenig können sie den Zugriff auf Menschen über den Tod hinaus akzeptieren. Hinter die eigene Grenze, die darin besteht, gegen das, was gesellschaftlich sonst so passiert, gemeinhin nicht offensiv vorzugehen, schauen die Religionsvertreter nicht. „Mit den Toten darf man doch nicht machen was mit den Lebendigen ständig passiert“, könnte der Tenor lauten, und davon stimmt zwar der erste Teil, doch das Hauptproblem steckt zweifelsohne im zweiten Teil: Da die kapitalistische Leichenverwertung nur eine Konsequenz der Verhältnisse darstellt, müsste, damit es keine Leichenverwertung mehr gibt, die Verwertung der lebenden Menschen abgeschafft werden.

In einer gemeinsamen Stellungnahme kritisieren katholische und evangelische Kirchen die Ausstellung: „Der Umgang mit dem verstorbenen Menschen ist in christlich-abendländischer Tradition durch Respekt gekennzeichnet“, heißt es darin, „dies bezieht den Leib eines Verstorbenen mit ein. Niemals ist der Körper des Verstorbenen eine bloße Sache, denn er erzählt weiter von dem Leben, das in ihm war und von der Beziehung zu dem Leben um ihn.“ Hier treffen die Kirchen einen richtigen Punkt: Denn die Ausstellung perfektioniert den Umgang mit Körpern als reinen Sachen. Körperzellen werden entmenschlicht konserviert, da die Körper entindividualisiert zusammengeklebt werden. Hierin besteht das Barbarische der Ausstellung: denn Hagens sieht nur die Gattung als Material, Besonderes wird nicht als Besonderes anerkannt.

Hagens Individualität ist die eines durchgeknallten faschistoiden Künstleregos – individuell macht die ausgestellten Körper die hingebaute Pose, die Hagens ihnen mit kühnem Herrenmenschenstrich gibt. Nicht ohne Grund ist das einzige Ausstellungsobjekt, das ein vollständiges Gesicht – mit Haut – zeigt, mit Folie teilweise abgedeckt. Hagens fällt mit seinem Zellengemetzel zurück hinter Errungenschaften, welche die Religionen zweifelsohne darstellen, und sei es nur in dem Postulieren einer göttlichen Seele, die jedem Menschen innewohnt.

Der Pastor der Hamburger St. Petri Kirche, der in einer medienwirksamen Aktion einen Leichenwagen zu ‚Radio Hamburg‘ wegen des in ihrem Schaufenster ausgestellten Plastinats schickte, setzte auf die Tradition, dass tote Menschen bestattet gehören. Aber auch wenn es eine Vielfalt von Begräbnisstätten gibt, an denen tote Menschen ruhen, z. B. in irgendwelchen italienischen Dörfern die Toten ausgedörrt in Gruften sitzen und man sie dort quasi besuchen kann, ist das etwas komplett anderes als eine postmortale RTL-Show, in der man nochmal Bedeutung erlangen kann, wenn man dies im Leben verpasst hat.

Achtung vor den Toten stellt in allen monotheistischen Religionen einen wichtigen Wert dar, der sich überall ähnlich äußert: hauptsächlich im jüdischen Glauben muss der tote Körper unversehrt begraben werden; Christen glauben eher an das sofortige Auffahren der Seele. In der islamischen Tradition sollen Friedhöfe und Grabstätten an das Jenseits erinnern und weniger an den Toten selbst. Hagens konstatiert einen „Bestattungszwang“, gegen den er sich auflehne. Aus toten Menschen Skulpturen zu bauen, die sich auch prima als CDRegal eignen würden, löst dieses Problem jedoch nicht nach vorn, sondern rückwärts gewendet auf.

Als die Leichenschau 2001 in Berlin gastierte, kommentierte der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Andreas Nachama, sie sei „die logische Konsequenz dessen, was im 20. Jahrhundert schon passiert ist – da wurde kein Halt gemacht vor lebenden Menschen, da wurden menschliche Körper millionenfach von Mördern zu Asche verbrannt oder zu Seife verarbeitet, aus menschlicher Haut Lampenschirme hergestellt“. Hagens, ganz antisemitisch gefärbter Populist, gab sich sofort als Opfer: Eine „Unterstellung geistiger Verwandtschaft zwischen dem menschenverachtenden Terror des Naziregimes“ und bisher „sechs Millionen“ (sic!!!) Besuchern der Ausstellung in vier Ländern sei „grobe Publikumsbeschimpfung und beleidigend“. Nebenbei bemerkt, warf ihm der Ausspruch Nachamas keine „geistige Verwandtschaft“, sondern praktische Gleichheit im Ergebnis vor.

Religiösität ist nicht vonnöten, um sich auf das von Hagens vorgestellte anti-emanzipatorische Ping-Pong: ‚Wenn der Körper doch tot ist – kann man mit ihm tun, was man will‘ nicht einzulassen. Denn die Überreste menschlichen Lebens als reines Material zu betrachten, dass es frisch zu verarbeiten, neu zusammen zu setzen und zu Dingen zu veredeln gilt, ist mechanistisch und nicht materialistisch. Adorno schrieb unter der Überschrift ‚Abdeckerei‘: „Was die Nationalsozialisten an Millionen von Menschen verübt haben, die Musterung Lebender als Toter, dann die Massenproduktion und Verbilligung des Todes, warf seinen Schatten voraus über jene, die von Leichen zum Lachen sich inspirieren lassen“ (Minima Moralia, S. 313).

Der von Hagens postulierte „aufklärerische“ Anspruch der Ausstellung ist vorgeschoben, eine Schutzbehauptung, in die sich sein barbarisches Menschenbild hüllt. Diese Ausstellung lässt nicht an Aufklärung denken, sondern an Lampenschirme.

AUFKLÄRUNG – EINE WICHTIGE SACHE
Der Ausstellungsmacher gibt sich als Demokratisierer: Jahrhundertelang sei die anatomische Innenansicht des Menschen und der Blick auf tote Körper das Privileg von Medizinstudenten und Anatomen gewesen, so Hagens. Er würde nun endlich diese essentiellen Einsichten den Massen zugänglich machen.

Klar, alle haben sich immer schon für Anatomie interessiert. Die Bücherregale zu Hause bersten vor Enzyklopädien, es fehlte nur noch die direkte Anschauung. Was ist es, das die Millionen Anatomiefans in Hagens Ausstellung lernen können? Eine Menge Blutgefäße gibt es im Menschen, ach und so sieht ein Gesicht von hinten aus und so eine aufgeschlitzte Gebärmutter, das hatte mich immer schon neugierig gemacht. Eine schwarze Raucherlunge scheint das einzige zu sein, was man an gesundheitlich-pädagogischer Lehre aus der Ausstellung ziehen kann.

Hagens behauptet, unter Oberflächen zu gucken: Seine Leichendarstellung nennt er selbst eine „extreme Enthüllung“ (‚Ein Führer durch die Ausstellung‘). Dabei produziert er nichts als neue Oberflächen. Verwissenschaftlichung ist für Hagens ein tool, das er einsetzt, um Akzeptanz für seine muskelexhibitionistischen Skulpturen zu finden. Doch worauf er eigentlich setzt, ist der Schauer der Echtheit, der den perversen voyeuristischen Drang, in fremder Leute Körper hineinzugucken, nutzt. Die Stoßrichtung dieses Blicks ist genuin gewalttätig und sexistisch, und dieser Blick muss immer „tiefer“ schauen, neue Horrorgruselanlässe schaffen, denn die erwartete Schock-Wirkung nutzt sich schnell wieder ab.

Die Freak-Show muss ihre eigenen Skandale ständig neu erzeugen, obskurere Körper, größere Tiere (das neueste ist ein Kamel), kranke Riesen und andere tote Menschen, deren Besonderheit darin besteht, körperlich abzuweichen, müssen her und plastiniert werden. Warum nicht auch mal einen Gorilla plastinieren, der gerade dabei ist, einen Menschen zu plastinieren? In Hagens Körperschau werden komplexe körperliche Abläufe statisch, sie funktioniert wie ein Industriemuseum, in dem man alte Maschinen ausstellt, die Abdeckhauben aufschneidet und die Triebriemen und Zahnräder sieht. Sie basiert auf einem verdinglichten Verhältnis zum Körper und negiert eine besondere Beziehung zwischen Individuum und Gattung. Wissenschaft, die der chinesische Ehrenprofesser so gern für sich in Anspruch nimmt, würde zumindest über das Auffinden von Regelmäßigkeiten funktionieren und nicht über das wollüstige Beglotzen von Besonderheiten.

Derweil strömt das Publikum fleißig durch die Körperwelten- Ausstellung und begafft vom Künstler himself zubereitete Leichen. Wie bei allem, was gesellschaftlich als obszön angesehen werden könnte, geschieht dies natürlich aus rein wissenschaftlichem Interesse – so die schon am Pornokinobesuch gestählte, augenzwinkernde Übereinkunft von Ausstellungsmacher und Publikum. Und so fehlen neben der Raucherlunge und der aufgeschlitzten Schwangeren mit freiem Blick auf den Fötus nur noch vögelnde Leichen und die plastinierten Resultate von Crashtests, um den „Bürgerrecht auf unzensierte Körperschau“ (Hagens) genannten Voyeurismus vollständig zufrieden zu stellen – und dies sind bereits des Weltenschöpfers nächste Pläne.

DEMOKRATISCHE BARBAREI
Aber warum nur schauen? – Mitmachen! Wie die Religion das wahre Leben nach dem qualvollen irdischen erwartet, so spricht Hagens Plastinateclub das Subjekt in der spektakulären Warengesellschaft an seiner schwachen Stelle an: das Monadendasein endlich abstreifen, den eigenen Körper verewigen, ihn der großen gemeinsamen Sache des wissen- schaftlichen Fortschritts verschreiben um endlich etwas aus seinem unbedeutenden kleinen Scheißleben zu machen – hinterher! Selten war ein Ausstellungskonzept interaktiver.

Entsprechend sektenhaft gibt sich dann auch das Material für die Anwerbung von Neu-Mitgliedern im Plastikclub: „Ich schließe mich gerne den Ausführungen Prof. von Hagens an, weil der plastinierte Körper eines Menschen, die Schönheit und Natürlichkeit in seiner ganzen Vielfältigkeit einem Zwecke dienlich ist, nämlich der Forschung und Demonstration echter und natürlicher Lehrpräparate für die gesamte Menschheit. Es ist für mich wichtig, eine solch sensationelle Arbeit wie die von Prof. von Hagens unbedingt zu unterstützen“, wird ein männlicher Körperspender zitiert. Eine weibliche Spenderin wirkt hoffnungsvoll: „Ich habe im April dieses Jahres die Ausstellung in Berlin gesehen. Auch wenn ich beruflich (Krankenschwester) nicht ganz unbedarft bin, haben mich die Exponate beeindruckt, oder gerade deshalb. Unser Körper ist doch ein Wunder der Schöpfung. Was meinen betrifft, habe ich ihn durch Jahrzehntelange Bulimie nicht gerade freundlich behandelt. Es ist auch ein Wunder, daß er in längeren Phasen immer wieder funktioniert und bis auf die Zähne wenig Schaden davongetragen hat. Ich stelle Ihnen diesen Körper, mit dem ich wohl auch den Rest meines Lebens nicht ganz zurecht komme, zur Verfügung. Er soll Ihnen nützlich sein und vielleicht auch eine Heimat finden, die ich immer wieder neu suche.“

Und eine andere Körperspenderin sagt glücklich: „Mit der eigentlichen ‚Lebensaufgabe‘, Kinder zu gebären und sie aufzuziehen, um ein Aussterben der Menschheit zu verhindern, konnte ich mich bisher nicht recht zufrieden geben. Stets fragte ich mich, wozu bist noch da? Und nun, wo ich von Ihrer Möglichkeit gehört habe, seinen Körper nach dem Ableben der Plastination zur Verfügung zu stellen, faszinierte mich diese Tatsache sofort ungemein. Um meinen Nachkommen, vier Kindern mit ihren Familien, keine Grabpflege aufzuzwingen, wollte ich ohnehin schon auf die grüne Wiese, aber in meiner neuen Absicht, meinen Körper der Wissenschaft zur Verfügung zu stellen, habe ich eine viel bessere Alternative gefunden.“ Genderspezifische Unkörperlichkeitsvorstellungen (bloß niemandem auf die Nerven fallen, am besten gar nicht vorhanden sein) verbinden sich mit einem nach dem Tod endlich verwirklichten Lebenszweck. Dass es traurig klingt, wenn die Vorstellung, nach seinem Tod in Plastik verwandelt zu werden, eine Hoffnung für jemandem darstellen kann, liegt wohl nicht zuletzt an der Monströsität des Unglücks, das ein Leben beinhalten muss, das einen dazu bringt, zumindest nach dem Tod plastiniert zu etwas nützlich sein zu wollen.

Wenn ein weiterer Körperspender sich bedankt „für die zeitgemäße Möglichkeit, die letzte Angelegenheit so elegant zu Ende zu bringen“, so liegt der Gedanke nahe, dass eine Menge Leute vielleicht auch nur der Gedanke fasziniert, als quasi unbeschädigter, viel ‚perfekterer‘, weil verarbeiteter Körper praktisch bis in alle Ewigkeit herumzustehen, aber nicht mit abgezogener Haut und ihrem Gehirn in der Hand auf einem Pferd mit gleichfalls abgezogener Haut reiten wollten. „Provokationen sind die notwendigen Überraschungseier demokratischer Erneuerung“, sagt Plastinator Hagens.

Ob man sich plastinieren lassen will oder nicht, ist eine private Entscheidung. Das Problem ist eine Gesellschaft, in der man das Gefühl bekommt, das zu wollen. Mehr sein zu wollen als eine elende Arbeitermonade und sich deswegen plastinieren lassen zu wollen, steht im Gegensatz dazu, moderne warenförmige Subjektivität über sich hinauszutreiben und aus einer radikalen Unzufriedenheit heraus Bedürfnisse zu entwickeln, die von dem Bestehenden nicht befriedigt werden können.

SCHÖNE DINGE AUS HEIDELBERG & DALIAN
Bis der kostenlose Nachschub aus heimischer Produktion für die Plastinat-Industrie gewährleistet ist, wird weiterhin auf dem Weltmarkt dort eingekauft, wo die Gestehungskosten am niedrigsten sind. Hagens produziert modern: Das Menschenmaterial kommt daher, wo es am billigsten ist, gefertigt wird am günstigsten Produktionsstandort. In Plastinationszentren in Kirgisien und in Dalian (China) werden menschliche Körper zu anorganischem Material verarbeitet, ein in Bezug auf den Menschen wahnsinniger Prozess. 300 unterbezahlte Arbeiter- Innen schneiden in diesen Fabriken tagtäglich menschliche Leichen in Scheiben, schaffen künstliche Körperein- und -ausgänge, bauen Körper mal aus Muskeln, mal mit irgendwelchen Knochen zusammen und rühren ganze Menschen in Kesseln voller Aceton herum. Eine innovative Geschäftsidee, die Recycling zu Ende gedacht hat. „Ich bin ein Leichenveredeler, mache aus einer Leiche ein Edel-Plastinat“, rühmt sich Hagens in der ‚Welt‘.

Die Frage, wo die Leichen herkommen, ist eine schon viel behandelte, aber nichtsdestotrotz interessante Frage. Der ‚Spiegel‘ stellte das globale Vertriebssystem von Hagens samt Briefkastenfirma in Gibraltar ausführlich dar. Dass Hagens auch Erschießungsopfer des chinesischen Staats zur Plastination benutzt, klingt bei ihm so: „Nach jeweils einem halben Leben in Deutschland Ost und Deutschland West fühle ich mich in China ganz besonders wohl, wo kapitalistische Schaffenskraft mit sozialistischer staatlicher Durchsetzungskraft eine aufregende, effektive Allianz eingeht“. Nichts anderes hatte Debord mittels des Begriffs des „integrierten Spektakels“ kritisiert. Der „Mitteldeutsche“ Rundfunk beleuchtete in einer Dokumentation die äußerst fragwürdigen Umstände, unter denen die Leichen für die Plastination beschafft werden: Die meisten Toten kommen aus Krankenhäusern in China und Novosibirsk, wo das Abkaufen von Leichen anscheinend ein wenig unbürokratischer geregelt ist als hierzulande, und für alle gibt es angeblich entweder Einverständniserklärungen, oder sie hätten keine Angehörigen.

Inzwischen ermittelt die russische Staatsanwaltschaft gegen Hagens. Denn offensichtlich hatten doch alle Toten Angehörige, und Einverständniserklärungen liegen bisher natürlich keine vor. Viele Angehörige suchen bis heute nach Leichen ihrer Verwandten. Ihnen wurde irgendwelche Asche ausgehändigt, die Körper hingegen nach Plastination City abtransportiert. Gelten zolltechnisch die in Plastik verwandelten Toten einmal als „Präparate“, sind sie weitaus leichter über Grenzen zu schaffen als Leichen. Für Präparate gelten ungefähr ähnliche Bestimmungen wie für Autoreifen.

Sollte der Heidelberger Unternehmer zukünftig genügend freiwillige Körperspender aus Deutschland zur Verfügung haben, wird dadurch nichts besser: denn es bleibt der anfängliche Raub und die in Drittweltstaaten erfolgte Aneignung von Körpern, welche dann eine potentielle aktuelle legale Plastination ermöglicht. Durch avancierte Verfahren in der pränatalen Diagnostik werden hierzulande aber weiterhin die Chancen vereitelt, auf tolle Freak-Präparate zuzugreifen – so wird zumindest ein Submarkt von Ost nach West weiterhin bestehen bleiben.

Für den damaligen Hamburger Senat spielte das offene Verfahren gegen Hagens in seiner Entscheidung jedenfalls keine Rolle, das einzige Argument war, mal wieder eins dieser großen Kulturevents zeigen zu können, die schon irgendwo anders erfolgreich waren. Der Bezirk Mitte, der Hagens‘ Ausstellung mit einigen Auflagen versehen wollte, wurde vom Senat als nicht zuständig erklärt und die völlig unzensierte Präsentation ermöglicht.

Und so blitzt wieder einmal die Barbarei hervor, welche für „den Standort“ zur Beförderung der Verwertung und Anbetung deren Logik gerne in Kauf genommen wird. Wie die Herkunft, also das „Entstehen“ der „Exponate“ aus China und Kirgisien nicht interessieren – was bereits vom Organ- und Menschenhandel hinlänglich bekannt sein dürfte –, so fällt in Zeiten der Krise auch der ethische Surplus, entsprechend des kapitalen Katzenjammers. Der Kreis schließt sich zumindest annährend da, wo stolz auf die Quoten verwiesen wird, mit denen Flüchtlinge u. a. in die Länder abgeschoben werden, aus denen sie dann als Präparate zurückimportiert werden können.

LEICHENTEILE IN SIEGERPOSEN
„Formalinpräparate in Gläsern, ohne laiengerechte Beschriftungen, verursachen eher einen Gruselschock. Im Unterschied dazu stellt sich beim Betrachten von Plastinaten Körperstolz ein. Dies trifft insbesondere für Gestaltplastinate zu, weil sich der Besucher hier ganzheitlich wieder erkennen kann. Das Plastinat dient dabei als optische Brücke zum eigenen Körper. Ein weiterer Grund für die Attraktivität der Ausstellung liegt im beständigen Vergleich von gesunden und kranken Organen, was bisher so nicht gezeigt wurde”, doziert Hagens in einer Pressemitteilung. Gerade der Deutsche unterscheidet ja auch besonders gern gesund von krank. Was hat es mit der von Hagens bereits im Nazijargon „Körperstolz“ genannten „Ganzheitlichkeit“ auf sich?

Die „Gestaltplastinate“ genannten Leichen, die „Ganzkörper“ zu nennen sich aufgrund ihrer Zerfleddertheit verbietet, stehen in faschistischen Siegerposen herum: „Der Werfer“, „Der Fechter“, das „Scheuende Pferd mit Reiter“ könnten allesamt aus Riefenstahls ‚Fest der Schönheit‘ stammen – nur dass die für ihren Vitalismus wenigstens auf lebendige Körperstolze zurückgriff. Arnold Broeker goss ähnliche arische Heldenposen in Bronze. Aufgerissene Körper, aus denen gleichsam Schubladen gezogen werden, zitieren mit Dali den rechten Zweig des Surrealismus.

Der gehäutete Mensch auf dem „scheuenden Pferd“, gleichfalls ohne Haut, hält beide Gehirne in den Händen, und sitzt dabei noch doppelt auf dem sich aufbäumenden Tier: Das Skelett des Menschen ist vor seinen Muskelsträngen angebracht, der Schädel des Pferds schaut keck unterhalb des Schlüsselbeins aus der Brust heraus. „Die ästhetischinstruktive Darstellung der Funktion erfordert eine dynamische Positionierung“, heißt es in ‚Ein Führer durch die Ausstellung‘. Hagens Skulpturen zeigen jedoch mitnichten Vorgänge im Körper, sondern nur das reine Material, erklären also nichts, sondern affirmieren nur. Im Vordergrund steht die Ästhetisierung des toten Körpers, ausgestellte Nekrophilie.

Das Publikum nimmt Hagens „künstlerischen“ Beitrag gern an: alles ist sofort erkennbar, hier „der Denker“, dort „der Reiter“; doch Kern des Künstlerischen ist ein mieses Ähnlichkeiten-Spiel. In diesem können sich ein stumpfes kleinbürgerliches Kunstverständnis mit dem „Genie“ treffen: Die Kumpanei zwischen Begaffern und dem Herrn Künstler wird perfekt, wo sich kein neuer Gedanke eröffnet außer „erkenn ich wieder“.

Doch es lässt sich zumindest ein wenig mehr wiedererkennen: Hagens Ästhetisierung von Körperinnerem, schwangere Frauen mit aufgeschnittenem Bauch, die ihre ungeboren gebliebenen Babies präsentieren, bilden Handlungen bei Kriegsmassakern ab, bei denen auch mit Vorliebe Schwangeren der Bauch aufgeschlitzt wird. Nur dass Hagens Echtpuppen sich auch noch genüsslich räkeln, während sie ihren offenen Bauch mit Fötus drin darbieten.

Hagens Werk ist dem des amerikanischen Massenmörders Ed Geen verwandt, welcher die Vorlage für zahlreiche Horrorfilme (u. a. ‚Psycho‘, ‚Texas Chain Saw Massacre‘, ‚Das Schweigen der Lämmer‘) lieferte. Indem er Teile toter Körper als Material für neue Zusammensetzungen benutzte, initiierte der einen fetischisierten Umgang mit menschlichen Körpern auf neuer Ebene. So wird der tote Mensch als reiner Fetisch rezipierbar.

In der ‚Welt‘ hatte der selbst ernannte „Erlebnisanatom“ angekündigt, in Hamburg „die Fortpflanzung“ – etwa in Form eines erigierten Penis und einer Klitoris – zu betonen. Seine Begründung: „Das passt ja auch ganz gut zum Hamburger Standort.“ Weiter gehende Ideen seien „ein Liebesakt, ein Streichquartett, eine Einkunstläuferin – oder ein Jesus am Kreuz“. In Hamburg wurde ‚Körperwelten‘ im Erotic Art Museum gezeigt. Da liegt es natürlich nahe, ganzkörperplastinierte Leichen in einschlägigen Posen hinzuzunehmen – langfristig, versteht sich, wenn dort eine ständige Ausstellung installiert sein wird, wie es der Hamburger Senat und der Leichenskulpteur vorsehen.

TOTE ARBEIT, TOTE KÖRPER
„Wir bewegen uns in einer vom Krieg zerstörten Landschaft, den eine Gesellschaft gegen sich und ihre eigenen Möglichkeiten führt.“ (Situationistische Internationale)
Leider ist es nicht einfach nur gaga wenn Hagens sich seiner Zeit voraus wähnt. Denn seine Inszenierung als faschistisches Künstlergenie, das sich an toten menschlichen Körpern austobt, verweist auf den drohenden Barbarisierungsschub kapitaler Vergesellschaftung in der Krise, lässt schaudernd erahnen, was auf das lebendige Material zukommen wird. Dessen komplette Degradierung zum Rohstoff der Verwertung bringt gleichzeitig seine verschärfte Selektion nach deren Kriterien mit sich, obwohl – und gerade auch weil – der immer größer werdende Reichtum der kapitalistischen Gesellschaft sich nur in Waren ausdrücken kann und diese von immer weniger Menschen hergestellt werden können, während doch fast alle proletarisiert sind, ihre Existenz also nur auf dem erfolgreichen Verkauf ihrer einzigen Ware, der Arbeitsfähigkeit, gründet.

Auf Seiten des Staates bleibt die Tendenz des Überflüssigwerdens immer größerer Teile dieser Proletarisierten für die Akkumulation des Kapitals allein schon durch ausbleibende Einnahmen aus deren nicht mehr existenten Löhnen nicht unbemerkt. Da nicht abzusehen ist, dass diese Entwicklung sich noch einmal umkehren könnte, werden die unnützen Esser aussortiert, denn die Masse der Arbeitslosen bis zum nächsten Boom durchzufüttern lohnt nicht mehr. Wer sich fit hält und fortbildet hat noch Chancen alimentiert zu werden. Wer jedoch dem Bild des allzeit bereiten Arbeitskraftbehälters nicht entsprechen kann oder will, dessen gesellschaftliche Duldung staatlicherseits läuft unwiderruflich aus. So drücken sich die Möglichkeiten der kapitalistischen Gesellschaft, ihren Reichtum immer gewaltiger zu steigern, in dem wachsenden Elend jener aus, die diesen herstellen.

So, wie die lebendige Arbeit auf die tote Arbeit übergeht, die ihr dann gegenübersteht und über sie herrscht, sorgt Hagens dafür, dass die gesellschaftliche Logik auch auf den toten Arbeitskraftbehälter übertragen wird. Die Ausstellung radikalisiert noch einmal den gesellschaftlichen Prozess – ein Vorgang, für den nunmal Faschisten zuständig sind. In bestimmter Hinsicht macht Hagens noch einmal sichtbar, was sowieso passiert – und ermöglicht so eigentlich eine Kritik der Verhältnisse durch einen neuen Blickwinkel.

Über die Würde von Toten in einer Gesellschaft zu schwadronieren, in der Lebende weit davon entfernt sind, so etwas wie Würde zu besitzen, greift genauso kurz wie das ignorante Geschwätz von Tierschutzinitiativen, die beim Kampf gegen das Quälen von Tieren dem Quälen von Menschen nahezu gleichgültig gegenüberstehen. Und so ist es auch kein Zufall, dass es Tierschützer sind, die gegen ‚Körperwelten‘ vorgehen: Das Bundesamt für Naturschutz (BfN) will Ermittlungen gegen Hagens wegen des Verdachts des Verstoßes gegen das Washingtoner Artenschutzabkommen und des illegalen Besitzes von geschützten Tierarten einleiten. Hagens sei seit mindestens Juni 2003 im Besitz eines toten Gorillas. Da die Menschenaffen der höchsten Schutzstufe des Abkkommens unterlägen, müssten die Tiere bei Einfuhren nach Europa im BfN registriert werden. Für tote Gorillas oder Teile davon habe das Amt seit 2000 keine Genehmigungen gegeben.

Menschen jedoch gibt es nicht zuwenig, sie unterliegen nicht dem Washingtoner Artenschutzabkommen.

EIN NEUER DR. FRANKENSTEIN
Dass der „Schöpfer“ von „Körperwelten“ sich überwiegend mit einem Hut abbilden lässt, den man von Verbindungsstudenten mit Profilneurose, Typen in Lodenmänteln oder Beuys kennt, sollte eigentlich schon Warnung genug sein. Als „Weltenerschaffer“ erfüllt er die Stereotypen des mad professor mit allen Schikanen, des unverstandenen Genies, das antizipiert, was erst noch Normalität werden wird. Selbstredend muss er solche veritablen Kracher bringen wie: „Irgendwann wird mich niemand mehr verlachen“, – toll!

Also, was ist das Problem mit dem Kerl, der seine eigene Freakshow sein könnte? Auf den ersten Blick mag es diese gewisse Schwäche der Deutschen für Idealisten sein – einer von denen, welche aktenkundig den oben zitierten Satz von sich gegeben haben, war bekanntlich ein hässlicher kleiner Österreicher, dessen Pläne für jene Ich-Schwäche maßgeschneidert waren, welche Uderzo und Goscinny in „Asterix und die Goten“ ethnologisch präzise nachgezeichnet haben.

Von Hagens ist die Karikatur der Frankenstein-Figur: Mary Shelleys Romanfigur Dr. Frankenstein repräsentiert in der Literatur Anfang des 19. Jahrhunderts den Punkt der Aufklärung, an dem diese sich gegen sich selber richtet. Frankenstein repräsentiert den neuen „freien“ Menschen, der von Gott und Aberglaube emanzipiert ist, dessen Denken keine Grenze mehr kennt und akzeptiert. Dr. Frankenstein wird als ein verkanntes, aus seiner Zunft verstoßenes, wissenschaftliches Genie beschrieben, das der Forschung und dem Fortschritt dient. Er will die technischen und moralischen Grenzen der Wissenschaft überwinden und neu definieren: der lebende, künstliche Mensch, zusammengefügt aus toten Organen und Fleisch. Der Funke des Lebens wird in den aus Leichenteilen zusammengesetzten Körper gepumpt. Die Seele und das Bewusstsein dieser Kreatur sind im Fleisch verankert und werden mit der Belebung des toten Körpers ebenfalls erweckt. Hagens erweckt keinen Toten zum Leben, er gibt den Leichen aber die Posen der Lebenden.

Hagens versucht, ein Naturrecht mit sich als Herrscher zu installieren: Er ist der Herr über Leichen, geht mit ihnen spazieren und bringt sie in Posen, durch die erst er ihnen „Leben“ einhaucht. Über seine selbst postulierte Rolle als Aufklärer geht er damit weit hinaus. „Kleriker und Wissenschaftler sammeln seit langem Unmengen menschlicher Relikte und stellen sie zur Schau“, rechtfertigt sich Hagens im ‚Führer durch die Ausstellung‘. In diese Tradition des Reliquienbewahrens und archäologischen Grabens reiht sich der Leichengott nur zu gern ein. ‚Körperwelten‘ gerät so zum barbarisch gewendeten, diesseitigen Religionsersatz.

Auf jeden Fortschritt der Aufklärung in der aufsteigenden Phase der bürgerlichen Gesellschaft folgte ein Aufjaulen der Kirche. So auch im Roman auf Frankenstein und das von ihm erzeugte Monster, denn der Tabubruch des selbst erzeugten Wesens stand nicht auf dem ewigen Plan des himmlischen Schöpfers.

In der fortschreitenden Überwindung der Abhängigkeit von der ersten Natur erwuchs die unbewusst erzeugte „zweite Natur“ (Marx) als stets prozessierendes Resultat der Herrschaft der vergesellschaftenden Form des Werts über ihre ProduzentInnen. Die Widersprüche arbeiteten weiter und das mit der Entwicklung der Produktivkräfte möglich werdende Reich der Freiheit wurde nicht erobert; somit wirkten sich die Potenzen gesellschaftlicher Arbeit weiterhin als Destruktivkräfte aus. Die Barbarei, also ein Abweichen vom geschichtlichen Fahrplan auf dem Weg zum Sozialismus, eine den staats- und arbeitsfetischistischen 2. und 3. Internationalen unvorstellbare Option, wurde auf der Höhe kapitalistischer Technologie und antikapitalistischer Ideologie wahr: die Shoah.

Seitdem ist der „Tabubruch“ kein per se die Kräfte der alten Welt herausforderndes, fortschrittliches Unterfangen mehr – denn er wurde vom Revisionismus, der Leugnung der Shoah rekuperiert. Der einzige wirkliche Tabubruch ist die kommunistische Revolution, denn sie tut Ungeheuerliches: den Arbeitszwang, die Ware, das Geld, den Staat und alle Sphären abschaffen, alles scheinbar Naturhafte der bürgerlichen Gesellschaft verlachen und eine Welt des hemmungslosen Genießens der mit sich versöhnten Menschheit schaffen, welche sich nicht auf das Jenseits vertröstet, sondern vom Diesseits endlich Besitz ergreift.

/McGuffin Foundation, Sektion Hamburg, 2004

Den Text als PDF gibt es hier.
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]]> http://mcguffin.blogsport.de/2014/05/14/barbarei-in-scheiben-reloaded/feed/ Der nicht benannt werden darf http://mcguffin.blogsport.de/2013/02/28/der-nicht-benannt-werden-darf/ http://mcguffin.blogsport.de/2013/02/28/der-nicht-benannt-werden-darf/#comments Thu, 28 Feb 2013 16:44:18 +0000 Emma McGuffin Foundation http://mcguffin.blogsport.de/2013/02/28/der-nicht-benannt-werden-darf/ Einige Kommentare zur „Augstein-Debatte“.

Wenn die Deutschen alle zusammen etwas sind, sind sie es ganz besonders doll. Am schönsten war das Gemeinschaftsgefühl damals im Sportpalast, aber dann kamen ja die Engländer und haben alles kaputtgemacht. Seit „wir“ „wieder wer“ sind, geht es, ein bisschen holprig zwar, aber doch voran. In den vergangenen Jahren sind wir immerhin schon Weltmeister der Herzen und Papst gewesen. Nun sind wir alle Jakob Augstein. In diesem Fall taugt das jedoch nicht zur Parole. Das liegt daran, dass der Grund, warum wir alle er sind, nicht ausgesprochen werden darf. Das Simon Wiesenthal Center in Los Angeles hat Jakob Augstein zum neuntschlimmsten antisemitischen Schmierer der Welt gekürt – und damit in ein Wespennest gestochen.

Auf ‚Spiegel Online’ hatte Augstein über den Einfluss der „jüdischen Lobby“ auf den amerikanischen Präsidenten schwadroniert, Israel als Gefahr für den Weltfrieden bezeichnet, jüdische Ultra-Orthodoxe mit Selbstmordattentätern gleichgesetzt und die Israelis als Urheber von Konflikten in vielen anderen Ländern halluziniert. Es erscheint eigentlich nicht übertrieben, den Autor solcher Gedanken zwischen dem norwegischen Verschwörungstheoretiker Trond Ali Linstad und dem amerikanischen Nation-of-Islam-Holocaustleugner Louis Farrakhan einzuordnen, wie es auf der Top-Ten-Liste des Wiesenthal Centers geschehen ist.

Augstein selbst wies den Vorwurf des Antisemitismus auf seiner Facebook-Seite jedoch als „grotesk“ zurück. Der ‚Freitag’ witterte eine Verschwörung,1 der ‚Stern’ vermutete vorsichtig, „dass die Solidarität mit Augstein ein Hinweis darauf sein könnte, dass sich das Simon-Wiesenthal-Institut mit seiner erneuerten Einschätzung [Augstein einen Antisemiten zu nennen] vielleicht vergaloppiert hat“,2 Politiker von CDU bis zur Linken nahmen Augstein in Schutz,3 der ‚Spiegel’ verwies „die Sache“ „ins weite Reich des Absurden“;4 die ‚Taz’ nannte den Vorwurf „abstrus“ und schloss sich gleich explizit mit Augstein – der um sich holzenden Antisemitismuskeule vorgreifend – in den gleichen Zusammenhang ein: „Welcome to the club!“5.

Die Identifikation großer Teile der deutschen Medienlandschaft mit Augstein zur Verteidigung gegen den Antisemitismus-Vorwurf folgt denselben Reflexen wie 1945, als sich die Deutschen die „Kollektivschuldthese“ ausgedacht haben. Damals wiesen sie, konfrontiert mit dem begangenen Massenmord im Holocaust, weit von sich, für diese Taten verantwortlich zu sein. Dass niemand den Vorwurf der Kollektivschuld erhoben hatte, fiel ihnen in ihrem Wahn gar nicht auf – insgeheim wusste das Gros der Deutschen sehr wohl, dass die Morde, auch wenn sie diese nicht eigenhändig begangen hatten, in ihrem Namen und von ihnen gutgeheißen angerichtet worden waren.

Die Ungeheuerlichkeit der Taten hatte sie zuvor jedoch nicht etwa zurückschrecken lassen davor, sie zu fordern, geschehen zu lassen oder zu begehen; gleichzeitig waren jene zu schrecklich, um sie wahrhaben zu können. Die Übermacht der Bilder aus den befreiten Konzentrationslagern verunmöglichte ihnen die einfache Negation („Hat nicht stattgefunden“). Daher agierte die große Mehrheit der Deutschen so, als wären die aus rasendem Antisemitismus begangenen Morde erst im Auge der Betrachter entstanden und als müsste ihnen dort gewehrt werden. So wichen sie auf die subjektive Schuldnegation aus, die aufgrund ihrer interpersonellen Nähe meist gleich im Plural formuliert wurde: „Haben wir doch alles nicht gewusst“. – Die Bindung der Deutschen untereinander ist so stark, dass sie geradezu keinen Abstand zum nächsten haben, dieser klebt innerlich quasi direkt an ihnen dran (und umso krasser muss die Abgrenzung dann erfolgen, wenn sich jemand, und sei es auch nur scheinbar, von ihnen unterscheidet). Deswegen wussten sie gleich, wer noch alles nichts gewusst hat.

Die Fortdauer des Gedenkens an die Shoah stellte sich für die Deutschen als „Dauerrepräsentation unserer Schande“ (Martin Walser)6 dar. Da keine wirkliche Abkehr vom Antisemitismus der Eltern- und Großelterngeneration stattfand, sondern er verdrängt wurde und den Antisemiten fürderhin selbst ganz unsichtbar wurde, kehrte sich die Schuldabwehr zunehmend in eine Anklage um gegen diejenigen, die darauf bestanden, nationalsozialistische Kontinuitäten in Deutschland aufzuzeigen oder von Deutschland mehr zu verlangen als die Behauptung einer „Stunde 0“, in der das Konto wieder ausgeglichen wird und alles, was vorher war, nicht mehr zählt. Antisemitismuskritiker und in letzter Instanz der Staat Israel haben in der Sicht der Deutschen ihren Teil des Schweigegelübdes nicht eingehalten.

Die Hoffnung, die Deutschen über Bewusstwerdung dazu zu bringen, sich mit ihren Taten im Nationalsozialismus auseinanderzusetzen, muss als gescheitert betrachtet werden. Noch jede Gedenktafel an die Opfer des Nationalsozialismus und jedes Holocaustmahnmal hat letztendlich an der Identität der Deutschen gezerrt: Jetzt haben wir doch wirklich mal genug gedacht, jetzt soll endlich auch mal Schluss sein, alles wiedergutgemacht und wir waren auch Opfer. Der unbedingte Wunsch zum Gleichmachen von Tätern und Opfern – schließlich sind wir doch auf eine Art alle von Hitler betrogen worden: die einen um ihre Möglichkeit, zu leben, die anderen um den Endsieg – äußert sich bei Augstein auf ganz explizite Art: „Wahrscheinlich gehören alle Deutschen auf die Couch, so wie wahrscheinlich alle Juden“, sagte er im Spiegel-Gespräch mit dem Vorsitzenden des Zentralrats der Juden in Deutschland, Dieter Graumann, und setzte noch nach: „Ja, wir müssen alle auf die Couch. Nebeneinander.“7

Doch das deutsche Bedürfnis nach Schuldumkehr, wie es der israelische Psychoanalytiker Zvi Rex auf den Punkt gebracht hat („Die Deutschen werden den Juden Auschwitz niemals verzeihen“), hält nicht bei einer Gleichsetzung inne. Denn nicht nur darf man in Deutschland Antisemiten nicht Antisemiten nennen,8 sondern eigentlich sind die Benenner des Antisemitismus sogar das Problem und quasi die wirklichen Antisemiten, indem sie „dem schleichenden Antisemitismus Vorschub leisteten“ (siehe etwa: „Wer hasst da wen? – Das Simon-Wiesenthal-Zentrum diffamiert einen Israel-Kritiker“, ‚Die Zeit’ 2.1.2013, exemplarisch auch die Leserkommentare)9. Augstein selbst findet das auch,10 gleichzeitig hofft er jedoch geradezu auf eine Inflation des Antisemitismusvorwurfs, welche die Kritik entwertet. Der Einfachheit halber behauptet er diese schon mal: „Je häufiger der Antisemitismus-Vorwurf für kurzfristige, politische Zwecke eingesetzt wird, desto irrelevanter wird er. Der Prozess hat schon längst begonnen: Früher war es eine Schande, für einen Antisemiten gehalten zu werden. Inzwischen muss man solchen Vorwurf nicht mehr ernst nehmen.“11

Dabei war es durchaus Augstein selbst, der auf den Assoziationszusammenhang von Schuld, Anklage und Gerichtsverfahren hingewiesen hatte: „Da ich kein Angeklagter bin und Rabbi Cooper [Abraham Cooper, der stellvertretende Direktor des Simon Wiesenthal Centers] kein Richter und da er Vorwürfe gegen mich erhoben hat und nicht ich gegen ihn (oder überhaupt gegen Juden) musste ich das [Ansinnen, dass Augstein sich entschuldigt] ablehnen“, schreibt Augstein am 31.1.2013 auf seiner Facebook-Seite.12 Vor einem ordentlichen Gericht hätte er, schwingt implizit in diesen Sätzen mit, in der Bürgersoldatentradition Adolf Eichmanns, selbstverständlich Rede und Antwort gestanden und eine Verteidigungsstrategie erarbeitet. So hingegen geht es ihm einfach um sein Recht auf Meinungsäußerung, dass er durch die Kritik an ihm eingeschränkt sieht.13

Das deutsche Feuilleton generiert wie der deutsche Bundestag die These, dass die Deutschen wieder jemand seien, die in der Welt etwas zu sagen haben sollten. Dabei herrscht weitgehende Einigkeit darin, wie weit die „Israelkritik“ gehen darf, um mainstreamfähig zu sein. Das Spektrum ist in den vergangenen Jahren stark erweitert worden. Augstein bewegt sich mitnichten jenseits dessen, was die Gesellschaftsmitte auch findet, er fasst die als politisch korrekt geltende Fassung seines Ressentiments nur in geschriebene Worte. National ist das allen klar – nur die amerikanische (in diesem Fall: West-)küste hat da mal wieder was zum Nörgeln gefunden. Doch Augstein steht bei weitem nicht allein mit seiner Meinung. So scheinen sich etwa auch die ‚Spiegel’-RedakteurInnen Susanne Beyer und Erich Follath, die das oben schon zitierte Gespräch mit Augstein und Graumann führten, für eine der Top-Ten-Listen der nächsten Jahren bewerben zu wollen: „Der designierte neue amerikanische Verteidigungsminister Chuck Hagel hat einmal gesagt: ‚Die jüdische Lobby schüchtert viele Menschen hier ein.’ Er hat es bereut.“14

Wer von der jeweils mainstreamfähigen Art, „Israelkritik“ zu üben, abweicht, muss nicht unbedingt Ausschluss fürchten – inhaltlich kann er aber auch nicht auf hundertprozentige Unterstützung hoffen. So war etwa der Duisburger Linken-Politiker Hermann Dierkes schon 2011 auf einer Best-of-Antisemitenliste des Wiesenthal Centers gelandet, wie Augstein dieses Mal auch auf Platz neun. Öffentlich aufgeschrien hat damals nur er selbst. Zuvor hatte er zum Boykott israelischer Produkte aufgerufen und vom „sogenannten Holocaust“ geschwafelt – das war zu krass, (noch) nicht gesellschaftstauglich. Augstein ist zurückhaltender im Ton, trifft den Zeitgeist besser, geriert sich als Speerspitze der neuen deutschen Normalität – nicht alle sehen die Welt exakt so wie er, aber doch ungefähr.

Wenn Augstein fragt: „Sollen wir verschweigen, dass Israels Regierung Recht bricht und es auch Alternativen gibt?“ und eine solche Vorgehensweise „neurotischen Journalismus“ nennt, sagt er selbst ganz explizit, dass diese Sätze aus ihm herausmüssen, dass er kaum an sich halten kann, sie zu schreiben. Wie Nationalschriftsteller und Waffen-SS-Mitglied Günter Grass in seinem Anti-Israel-„Gedicht“ auch übers Schweigen lamentierte, das er aber einfach nicht mehr durchhielt („Warum schweige ich, verschweige zu lange, was offensichtlich ist und in Planspielen geübt wurde … ). Es musste heraus, „muss gesagt werden“, Schweigen geht nicht mehr – die Antisemiten sagen es selbst dazu: Ihr Antisemitismus aka „Israelkritik“ ist so stark, dass er ganz von selbst nach außen drängt. Stärker als er ist nur seine Verdrängung. Deswegen darf Antisemitismus hierzulande nicht beim Namen genannt werden. Jeder Verstoß gegen dieses Verbot ruft alles an einvernehmlicher kollektiver Abwehr hervor, was aufgeboten werden kann. Es bleibt nur die Hoffnung darauf, dass die Neurose stark genug ist, um die Antisemiten zurückzuhalten.

tagediebin

  1. http://www.freitag.de/autoren/crumar/3d-antisemitismus-test-2013-eine-farce [zurück]
  2. http://www.stern.de/politik/deutschland/besuch-beim-wiesenthal-zentrum-wie-jakob-augstein-zum-antisemiten-wurde-1964230.html [zurück]
  3. http://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2013-01/augstein-antisemitismus-vorwuerfe [zurück]
  4. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/antisemitismus-debatte-der-fall-augstein-a-875976.html [zurück]
  5. http://www.taz.de/!108383/ [zurück]
  6. Jakob Augstein: „Walser ist kein Antisemit. Darum fällt genetisch bedingter Antisemitismus [bei mir] aus.“ http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-90535659.html [zurück]
  7. ebd. [zurück]
  8. http://www.welt.de/debatte/henryk-m-broder/article112561269/Die-modernen-Antisemiten-argumentieren-subtil.html [zurück]
  9. http://www.zeit.de/2012/02/augstein-antisemitismus-vorwurf [zurück]
  10. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/kritik-an-israel-inflationaerer-gebrauch-des-antisemitismus-vorwurfs-a-869280.html [zurück]
  11. ebd. [zurück]
  12. Zitiert nach http://www.tagesspiegel.de/medien/antisemitismus-liste-augstein-haette-sich-gerne-mit-cooper-getroffen-/7717728-3.html [zurück]
  13. http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-90535659.html [zurück]
  14. ebd. [zurück]

Den Text als PDF gibt es hier.

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http://mcguffin.blogsport.de/2013/02/28/der-nicht-benannt-werden-darf/feed/
Gegen Deutschland und seine Nazis http://mcguffin.blogsport.de/2012/01/20/gegen-deutschland-und-seine-nazis/ http://mcguffin.blogsport.de/2012/01/20/gegen-deutschland-und-seine-nazis/#comments Fri, 20 Jan 2012 17:50:31 +0000 Emma McGuffin Foundation http://mcguffin.blogsport.de/2012/01/20/gegen-deutschland-und-seine-nazis/ Mindestens neun Menschen haben die Nazis des „Nationalsozialistischen Untergrunds“ (NSU) in den vergangenen 13 Jahren ermordet, darunter Enver Şimşek, Abdurrahim Özüdoğru, Süleyman Taşköprü, Habil Kılıç, Mehmet Turgut, İsmail Yaşar, Theodoros Boulgarides, Mehmet Kubaşık und Halit Yozgat.

Der Fakt, dass Nazis sich bewaffnen und Morde begehen, ist in vielen Gegenden Deutschlands Alltag. Dass sie dabei von staatlichen Stellen nicht viel zu befürchten haben bzw. nicht selten von diesen gedeckt werden, wenn nicht sogar Unterstützung erhalten, kann wohl nur jene überraschen, die aktiv die Konstitution von postnationalsozialistischem Staat und Gesellschaft verdrängen müssen: die überwiegende Mehrheit der Deutschen.

Die Organisationsform der NSU als jahrelang illegal operierender terroristischer Gruppe ist hierbei allerdings eine neue Qualität. Während Naziüberfälle (bei denen in den vergangenen 20 Jahren mindestens 182 Menschen ermordet wurden) normalerweise gar nicht oder unter ferner liefen in der Presse auftauchen, ist an der gegenwärtigen Situation zudem neu, dass alle Medien über die Morde der Nazi-Gruppe berichten – auch diejenigen, die in den vergangenen Jahren die Mordopfer sowie ihre Angehörigen als Teil eines kriminellen Milieus denunzierten.

Obwohl zum Beispiel die Opfer des Kölner Anschlags 2004 sich vehement gegen die Zuschreibung, dass sie Opfer von milieuinternen „Bandenkriegen“ seien, zur Wehr setzten und den faschistischen Charakter des Anschlags betonten, fand dies in der Linken kaum Beachtung. Das Gerede von den „Döner-Morden“ wurde gleichfalls nicht als rassistische Zuschreibung zurückgewiesen. Diese Handlungsunfähigkeit sagt viel über die deutsche Realität aus, deren Teil auch die McGuffin Foundation ist.

Auch wenn eine Demonstration zu diesem Zeitpunkt spät ist, sollte sie zumindest mit dem Ziel durchgeführt werden, die Verdrängung rassistischer und faschistischer Gewalt als Teil des Kampfes gegen dieselbe zu überwinden. Voraussetzung dafür ist aber das Erkennen des eigenen Versagens.

Antifaschistische Demonstration
»Der Tod ist ein Meister aus Deutschland«
28.1.2012 in Hamburg
13 Uhr, Hauptbahnhof
Aufruf und weitere Informationen unter
http://dertodisteinmeisteraus.de/.

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http://mcguffin.blogsport.de/2012/01/20/gegen-deutschland-und-seine-nazis/feed/
McGuffin Kassiber #4 ist da http://mcguffin.blogsport.de/2010/11/08/mcguffin-kassiber-4-ist-da/ http://mcguffin.blogsport.de/2010/11/08/mcguffin-kassiber-4-ist-da/#comments Mon, 08 Nov 2010 11:44:04 +0000 Emma McGuffin Foundation http://mcguffin.blogsport.de/2010/11/08/mcguffin-kassiber-4-ist-da/ Nach mehrjährigem Forschen und Diskutieren liegt nun die vierte Ausgabe des unregelmäßig erscheinenden McGuffin Kassibers vor.

Auch sie widmet sich wieder den zwei Zielen der McGuffin Foundation: So ist sie selbstverständlich zunächst dem Wirken der schottischen Kommunistin und Feministin Emma McGuffin verpflichtet. Die Untersuchung des Briefwechsels zwischen McGuffin und der Schriftstellerin Helene von Druskowitz hat Erhellendes zu McGuffins Analyse des Geschlechterverhältnisses zu Tage gebracht.

Außerdem beschäftigt sich die Foundation mit aktuellen Themen, die im Kontext des Schaffens McGuffins stehen. In diesem Heft nähern sich Aufsätze zur Debatte um Definitionsmacht in der Linken sowie zur „Anti-Lookism“-Bewegung dem Themenkomplex des Unbehagens an den Körpern.

Den (Nicht-) Umgang mit der gewaltsamen Verhinderung des Claude-Lanzmann-Films „Warum Israel“ im vergangenen Jahr in Hamburg kritisiert der Gastbeitrag „Ein lautschweigender Konsens“ anhand der Frage, warum es der Linken so schwer fällt, die Gegenwart des Antisemitismus nicht zu verdrängen.

Neu ist die Rubrik „Judged by the Cover“, die sich einer Rezeption bestimmter Medien gezielt verweigert.

Diese Ausgabe unseres Kassibers ist erstmals nicht nur als Download-Version, sondern auf ausgesuchten Veranstaltungen sowie bei Strips & Stories in Hamburg auch als gedrucktes Heft erhältlich. Um ein Exemplar per Post zu bestellen, bitte einen mit 145 Cent frankierten, adressierten Rückumschlag (DIN A 5) sowie vier 55-Cent-Briefmarken an Strips & Stories, Seilerstraße 40, 20359 Hamburg schicken. Die elektronische Version gibt es hier.

Download: McGuffin Kassiber #4

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http://mcguffin.blogsport.de/2010/11/08/mcguffin-kassiber-4-ist-da/feed/
Release-Party McGuffin Kassiber #4 http://mcguffin.blogsport.de/2010/09/17/release-party-mcguffin-kassiber-4/ http://mcguffin.blogsport.de/2010/09/17/release-party-mcguffin-kassiber-4/#comments Fri, 17 Sep 2010 18:13:39 +0000 Emma McGuffin Foundation http://mcguffin.blogsport.de/2010/09/17/release-party-mcguffin-kassiber-4/ Bodies and their discontents

darin:
* Definiere Vergewaltigung – Debatte und Kritik von Definitionsmacht
* She’s kicked the look – Anti-Lookism, Körper und Zuschreibung
* Der Mann als logische und sittliche Unmöglichkeit – Emma McGuffin und Helene von Druskowitz

30. Oktober 2010 | 21 Uhr
Hamburg | Plan B

Tanz‘n'Talk | Konzert: Gorges
DJs: Difficult | Schema ohne Beute |
Mme Heinz | Das Schiff legt an bzw. ab

Flyer McGuffin Releaseparty 30.10.10

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