Der Kampf um Kobanê ist ein Kampf um Emanzipation

Die Yezidische Jugend Hamburg/Bengeh Ezdiyati ruft auf zum Protest gegen die anhaltenden Attacken des „Islamischen Staates“ auf Şengal und die genozidale Bedrohung der Yeziden im Irak. Die McGuffin Foundation unterstützt diesen Aufruf. Am Samstag, 25. Oktober 2014, soll aus Solidarität mit den Kämpfenden von Şengal und Kobanê und allen vom „Islamischen Staat“ bedrohten Menschen in Hamburg demonstriert werden.

Aufruf:

“Wir versklaven, verkaufen und teilen yezidische Frauen und Kinder unter uns auf“, heißt es in „Dabiq“, einem Organ des „Islamischen Staates“ (IS oder dem arabischen Akronym entsprechend: Daʿesh). Anders als Christen und Juden, die Tod und Versklavung durch die erpresste Zahlung eines Schutzgeldes entfliehen können, seien Yeziden “absolute Ungläubige” und fielen somit als ”Beute” an die Kämpfer des “Islamischen Staates”. Weit über 3000 Yeziden wurden seit den Attacken auf Şengal, wo ein Großteil der irakischen Yeziden leben, verschleppt. Diese Sklavenökonomie ist eine weitere perfide Form der genozidal verfolgten Ausrottung der als “absolut Ungläubige” und “Teufelsanbeter” verunglimpften Yeziden:

Seit den 1970ern waren die Yeziden einer gnadenlosen Arabisierung durch das Regime von Saddam Hussein unterworfen, ihre Dörfer wurden verbrannt und ihr Boden an staatshörige Sunniten übereignet. Auch nach den jüngsten islamistischen Attacken auf die Yeziden in Şengal wurde die Kollaboration sunnitischer Stämme, die die Attacken des “Islamischen Staates” unterstützten, mit einem Anteil an der “Beute“ entgolten.
Am 14. August 2007 riss in Şengal eine Serie von Autobomben 796 Menschen in den Tod. Ein zur Kamikaze frisierter LKW war als Warentransport getarnt und hatte somit eine größere Ansammlung von Menschen provoziert. Zwei weitere Suizidmörder rasten nach der ersten Detonation in die Grüppchen von Überlebenden. Wenige Monate zuvor hatte “al-Qaida im Irak“, dessen aktuellste Verkörperung der “Islamische Staat” ist, es für “verboten” erklärt, an Yeziden Esswaren zu verkaufen. Einerseits sollten so die yezidischen Territorien ausgehungert werden, andererseits konnten die Islamisten so ihre Todeskarawane als erhoffte Hilfslieferung tarnen.

In den letzten Tagen verstärkten die Islamisten ihre Attacken auf Şengal. Sie drängen nun in das Gebirge hinein, wo noch tausende geflüchtete Yeziden ausharren. Einzig Sherfedîn, wo ein den Yeziden heiliger Schrein liegt, kann von den yezidischen Selbstverteidigungsbrigaden noch gehalten werden. Die Tage zuvor hatten diese wieder und wieder eingefordert, dass man ihnen zu Hilfe komme: mit Munition und vor allem Luftbombardements auf die Frontverschiebungen des “Islamischen Staates” Richtung Şengal. Doch wie im Juli und August, als der “Islamische Staat” an wenigen Tagen hunderttausende Christen und Yeziden in die Flucht zwingen konnte, passiert viel zu wenig. Monatelang forderten etwa die Selbstverteidigungsbrigaden Rojavas (YPG) das Mindeste ein, womit sie den massiven Attacken des “Islamischen Staates” entgegnen können: Selbst Detektoren und Deaktivierungstechnik zur Entschärfung von Autobomben wurden ihnen allzu lange verweigert. Kobanê in Rojava etwa musste zu 30 oder 40 Prozent an den “Islamischen Staat” fallen bevor zumindest die US-Amerikaner mit verstärkten Luftbombardements und Munitionstransporten den Aufgeriebenen beikamen. Wenn irgendetwas ein System hat, dann dass jede konkrete Solidarität bis aufs Äußerste hinausgezögert wird. So empfand auch Deutschland, der drittgrößte Waffenexporteur, eine Aufrüstung der Peshmerga als Reaktion auf die Attacken des “Islamischen Staates” auf Şengal zunächst als „falsche Antwort“ und drängte die Bedrohten, sich wieder den Intrigen des Iran-hörigen Maliki-Regimes in Baghdad zu unterwerfen, bevor damit begonnen wurde, den Peshmerga Militärschrott zu liefern.

Im syrischen und irakischen Kurdistan wurde eine Entwicklung eingeschlagen, die konträr liegt etwa zum islamistischen Rollback in der Türkei und der Grabesruhe im Mittleren Osten. In den von den Selbstverteidigungsbrigaden Rojavas (YPG) beherrschten Territorien werden Menschen in Absehung ihrer Nationalität und Konfession vor der Aggression des “Islamischen Staates” verteidigt. Auch Teile der christlichen assyrisch/aramäischen Milizen sind mit der YPG verbündet und verteidigen, Seite an Seite, den östlich von Kobanê gelegenen Kanton Jazira (aramäisch: Gozarto) in dem auch viele yezidische Geflüchtete ausharren. Neben Christen organisieren sich tausende junge Frauen in den Selbstverteidigungsbrigaden. Das Versprechen, das sich die kurdischen Rekrutinnen geben, „Jin Jiyan Azadî” (Frau – Leben – Freiheit), ist angesichts der Frauenverachtung und Todesbeschwörung der Islamisten, “Wir lieben den Tod wie ihr das Leben”, jener Konter auf die genozidale Aggression, der keinen Zweifel daran lässt, was es vorrangig zu verteidigen gilt: die Hoffnung auf ein besseres, solidarisches Leben.

In diesem Sinne rufen wir alle auf, in Solidarität mit den Kämpfenden von Şengal und Kobanê und allen vom “Islamischen Staat” bedrohten Menschen zu demonstrieren.

Yezidische Jugend Hamburg/Bengeh Ezdiyati

Mitunterzeichner: Suryoye Kulturverein Hamburg e.V., Jüdische Gemeinde Pinneberg, Initiative gegen Antisemitismus und Antizionismus (IgAA), McGuffin Foundation

Samstag, 25. Oktober 2014, 16 Uhr, Hamburg, Hauptbahnhof/Hachmannplatz

Facebook-Event: https://www.facebook.com/events/292673820941810/