BARBAREI IN SCHEIBEN reloaded

Aus dem McGuffin Kassiber 1/2004

In den letzten Monaten waren 200 plastinierte menschliche Leichen und –teile in lustigen Posen im Hamburger Erotic Art Museum ausgestellt. Einen größeren Skandal in den Medien stellte die Körperschau, die mit ihren allerorten plakatierten enthäuteten Exponaten lüstern den Tabubruch zelebrierte, nicht dar: Die Hamburger Medien unterstützten die Ausstellung; die ‚Hamburger Morgenpost‘ hatte bereits im Vorfeld den Versuch des Bezirksamtes, einige Exponate zu verhindern, mit der Schlagzeile „zensiert!“ angeprangert, das Hamburger Abendblatt gab sich pseudo-ausgewogen: So versicherte dort auch der „kontra“-Autor der „pro“ und „kontra“-Gegenüberstellung, er hätte die Ausstellung bereits selbst gesehen, und sie sei keinesfalls „unästhetisch oder gar eklig“. Die ‚taz‘ bewunderte die „brillante“ Argumentation Hagens.

Protest kam von überregionaler konservativer Seite: die ‚Zeit‘ kritisierte die „Parodie der Auferstehung“; die ‚Welt‘ urteilte: „Die Körperwelten sind kein ‚Disneyland der Anatomie‘ – sie sind ein Scheiterhaufen des guten Geschmacks. Wer Tote zum Ausstellungsobjekt reduziert, spielt mit der Würde des Menschen, die auch mit dem Tod nicht endet“ und rief gar zum Boykott der Ausstellung auf. In München, wo die Ausstellung zuvor schon zu sehen war, hatte die CSU politischen Einspruch erhoben.

Was die moralische Empörung von der ‚Zeit‘ bis zur CSU eint, ist das Einverstandensein mit dem, was die Gesellschaft mit den lebendigen Körpern anstellt: Ihre radikalisierte Sortierung nach Kriterien kapitalistischer Vernutzbarkeit. Dies ist auch die unausgesprochen bleibende Grundlage von Befürwortern und Kritikern der Ausstellung: Beide Fraktionen (Hagens/ CSU) haben nichts dagegen, wenn das mit Lebenden passiert, was die eine Seite (CSU) an der anderen (Hagens) an Toten kritisiert: eine komplette Verwertung des Menschen in allen Bereichen.

AUF TABUS SURFEN
Die Stadt gewöhnte sich an den Anblick der Leichenausstellungs- Plakate, Kritik von links blieb aus und die Ausstellung ging ihren geregelten Gang. Die einzigen, die verzweifelt versuchten, zumindest kleinere Skandälchen zu produzieren, waren die beiden Hauptsponsoren, ‚Radio Hamburg‘ und ‚Mopo‘. ‚Radio Hamburg‘ stellte im Studiofenster einen plastinierten Torwart in Aktion aus, so dass PassantInnen noch nicht einmal wie in der Ausstellung willentlich auf die Toten trafen, sondern unvermittelt vor der Leiche standen. Die ‚Mopo‘ begleitete den Totenfreund auf einem kleinen nächtlichen Spaziergang mit ein paar seiner Ausstellungsobjekte an so pittoreske Orte wie den Hafenrand, das Millerntorstadium und die Herbertstraße.

Während Hagens die grinsenden Toten an schillernden Orten neu als lebend inszenierte, fand kein öffentlicher Aufschrei der Empörung statt. Zwar ermittelt nun die Staatsanwaltschaft wegen Störung der Totenruhe – gesellschaftlich aber ist Hagens voll akzeptiert.

Wer gehofft hatte, durch Hagens das bestehende Tabu der Sichtbarkeit von Toten durch ‚Körperwelten‘ schwinden zu sehen, hat sich geirrt. Die Ausstellung bricht dieses Tabu in keiner Weise, sondern stellt ein Spektakel auf Basis des Tabus dar. Die Tabubrüche, welche die Ausstellung vornimmt, revolutionieren nichts außer der Ausstellung selbst.

HAGENS VS. GOTT
Die Kirchen wenden sich gegen die Ausstellung, da sie in ihre Pfründe eingreift. So wenig sie sich sonst in den Wahnsinn einmischen, der mit den Lebenden passiert, so wenig können sie den Zugriff auf Menschen über den Tod hinaus akzeptieren. Hinter die eigene Grenze, die darin besteht, gegen das, was gesellschaftlich sonst so passiert, gemeinhin nicht offensiv vorzugehen, schauen die Religionsvertreter nicht. „Mit den Toten darf man doch nicht machen was mit den Lebendigen ständig passiert“, könnte der Tenor lauten, und davon stimmt zwar der erste Teil, doch das Hauptproblem steckt zweifelsohne im zweiten Teil: Da die kapitalistische Leichenverwertung nur eine Konsequenz der Verhältnisse darstellt, müsste, damit es keine Leichenverwertung mehr gibt, die Verwertung der lebenden Menschen abgeschafft werden.

In einer gemeinsamen Stellungnahme kritisieren katholische und evangelische Kirchen die Ausstellung: „Der Umgang mit dem verstorbenen Menschen ist in christlich-abendländischer Tradition durch Respekt gekennzeichnet“, heißt es darin, „dies bezieht den Leib eines Verstorbenen mit ein. Niemals ist der Körper des Verstorbenen eine bloße Sache, denn er erzählt weiter von dem Leben, das in ihm war und von der Beziehung zu dem Leben um ihn.“ Hier treffen die Kirchen einen richtigen Punkt: Denn die Ausstellung perfektioniert den Umgang mit Körpern als reinen Sachen. Körperzellen werden entmenschlicht konserviert, da die Körper entindividualisiert zusammengeklebt werden. Hierin besteht das Barbarische der Ausstellung: denn Hagens sieht nur die Gattung als Material, Besonderes wird nicht als Besonderes anerkannt.

Hagens Individualität ist die eines durchgeknallten faschistoiden Künstleregos – individuell macht die ausgestellten Körper die hingebaute Pose, die Hagens ihnen mit kühnem Herrenmenschenstrich gibt. Nicht ohne Grund ist das einzige Ausstellungsobjekt, das ein vollständiges Gesicht – mit Haut – zeigt, mit Folie teilweise abgedeckt. Hagens fällt mit seinem Zellengemetzel zurück hinter Errungenschaften, welche die Religionen zweifelsohne darstellen, und sei es nur in dem Postulieren einer göttlichen Seele, die jedem Menschen innewohnt.

Der Pastor der Hamburger St. Petri Kirche, der in einer medienwirksamen Aktion einen Leichenwagen zu ‚Radio Hamburg‘ wegen des in ihrem Schaufenster ausgestellten Plastinats schickte, setzte auf die Tradition, dass tote Menschen bestattet gehören. Aber auch wenn es eine Vielfalt von Begräbnisstätten gibt, an denen tote Menschen ruhen, z. B. in irgendwelchen italienischen Dörfern die Toten ausgedörrt in Gruften sitzen und man sie dort quasi besuchen kann, ist das etwas komplett anderes als eine postmortale RTL-Show, in der man nochmal Bedeutung erlangen kann, wenn man dies im Leben verpasst hat.

Achtung vor den Toten stellt in allen monotheistischen Religionen einen wichtigen Wert dar, der sich überall ähnlich äußert: hauptsächlich im jüdischen Glauben muss der tote Körper unversehrt begraben werden; Christen glauben eher an das sofortige Auffahren der Seele. In der islamischen Tradition sollen Friedhöfe und Grabstätten an das Jenseits erinnern und weniger an den Toten selbst. Hagens konstatiert einen „Bestattungszwang“, gegen den er sich auflehne. Aus toten Menschen Skulpturen zu bauen, die sich auch prima als CDRegal eignen würden, löst dieses Problem jedoch nicht nach vorn, sondern rückwärts gewendet auf.

Als die Leichenschau 2001 in Berlin gastierte, kommentierte der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Andreas Nachama, sie sei „die logische Konsequenz dessen, was im 20. Jahrhundert schon passiert ist – da wurde kein Halt gemacht vor lebenden Menschen, da wurden menschliche Körper millionenfach von Mördern zu Asche verbrannt oder zu Seife verarbeitet, aus menschlicher Haut Lampenschirme hergestellt“. Hagens, ganz antisemitisch gefärbter Populist, gab sich sofort als Opfer: Eine „Unterstellung geistiger Verwandtschaft zwischen dem menschenverachtenden Terror des Naziregimes“ und bisher „sechs Millionen“ (sic!!!) Besuchern der Ausstellung in vier Ländern sei „grobe Publikumsbeschimpfung und beleidigend“. Nebenbei bemerkt, warf ihm der Ausspruch Nachamas keine „geistige Verwandtschaft“, sondern praktische Gleichheit im Ergebnis vor.

Religiösität ist nicht vonnöten, um sich auf das von Hagens vorgestellte anti-emanzipatorische Ping-Pong: ‚Wenn der Körper doch tot ist – kann man mit ihm tun, was man will‘ nicht einzulassen. Denn die Überreste menschlichen Lebens als reines Material zu betrachten, dass es frisch zu verarbeiten, neu zusammen zu setzen und zu Dingen zu veredeln gilt, ist mechanistisch und nicht materialistisch. Adorno schrieb unter der Überschrift ‚Abdeckerei‘: „Was die Nationalsozialisten an Millionen von Menschen verübt haben, die Musterung Lebender als Toter, dann die Massenproduktion und Verbilligung des Todes, warf seinen Schatten voraus über jene, die von Leichen zum Lachen sich inspirieren lassen“ (Minima Moralia, S. 313).

Der von Hagens postulierte „aufklärerische“ Anspruch der Ausstellung ist vorgeschoben, eine Schutzbehauptung, in die sich sein barbarisches Menschenbild hüllt. Diese Ausstellung lässt nicht an Aufklärung denken, sondern an Lampenschirme.

AUFKLÄRUNG – EINE WICHTIGE SACHE
Der Ausstellungsmacher gibt sich als Demokratisierer: Jahrhundertelang sei die anatomische Innenansicht des Menschen und der Blick auf tote Körper das Privileg von Medizinstudenten und Anatomen gewesen, so Hagens. Er würde nun endlich diese essentiellen Einsichten den Massen zugänglich machen.

Klar, alle haben sich immer schon für Anatomie interessiert. Die Bücherregale zu Hause bersten vor Enzyklopädien, es fehlte nur noch die direkte Anschauung. Was ist es, das die Millionen Anatomiefans in Hagens Ausstellung lernen können? Eine Menge Blutgefäße gibt es im Menschen, ach und so sieht ein Gesicht von hinten aus und so eine aufgeschlitzte Gebärmutter, das hatte mich immer schon neugierig gemacht. Eine schwarze Raucherlunge scheint das einzige zu sein, was man an gesundheitlich-pädagogischer Lehre aus der Ausstellung ziehen kann.

Hagens behauptet, unter Oberflächen zu gucken: Seine Leichendarstellung nennt er selbst eine „extreme Enthüllung“ (‚Ein Führer durch die Ausstellung‘). Dabei produziert er nichts als neue Oberflächen. Verwissenschaftlichung ist für Hagens ein tool, das er einsetzt, um Akzeptanz für seine muskelexhibitionistischen Skulpturen zu finden. Doch worauf er eigentlich setzt, ist der Schauer der Echtheit, der den perversen voyeuristischen Drang, in fremder Leute Körper hineinzugucken, nutzt. Die Stoßrichtung dieses Blicks ist genuin gewalttätig und sexistisch, und dieser Blick muss immer „tiefer“ schauen, neue Horrorgruselanlässe schaffen, denn die erwartete Schock-Wirkung nutzt sich schnell wieder ab.

Die Freak-Show muss ihre eigenen Skandale ständig neu erzeugen, obskurere Körper, größere Tiere (das neueste ist ein Kamel), kranke Riesen und andere tote Menschen, deren Besonderheit darin besteht, körperlich abzuweichen, müssen her und plastiniert werden. Warum nicht auch mal einen Gorilla plastinieren, der gerade dabei ist, einen Menschen zu plastinieren? In Hagens Körperschau werden komplexe körperliche Abläufe statisch, sie funktioniert wie ein Industriemuseum, in dem man alte Maschinen ausstellt, die Abdeckhauben aufschneidet und die Triebriemen und Zahnräder sieht. Sie basiert auf einem verdinglichten Verhältnis zum Körper und negiert eine besondere Beziehung zwischen Individuum und Gattung. Wissenschaft, die der chinesische Ehrenprofesser so gern für sich in Anspruch nimmt, würde zumindest über das Auffinden von Regelmäßigkeiten funktionieren und nicht über das wollüstige Beglotzen von Besonderheiten.

Derweil strömt das Publikum fleißig durch die Körperwelten- Ausstellung und begafft vom Künstler himself zubereitete Leichen. Wie bei allem, was gesellschaftlich als obszön angesehen werden könnte, geschieht dies natürlich aus rein wissenschaftlichem Interesse – so die schon am Pornokinobesuch gestählte, augenzwinkernde Übereinkunft von Ausstellungsmacher und Publikum. Und so fehlen neben der Raucherlunge und der aufgeschlitzten Schwangeren mit freiem Blick auf den Fötus nur noch vögelnde Leichen und die plastinierten Resultate von Crashtests, um den „Bürgerrecht auf unzensierte Körperschau“ (Hagens) genannten Voyeurismus vollständig zufrieden zu stellen – und dies sind bereits des Weltenschöpfers nächste Pläne.

DEMOKRATISCHE BARBAREI
Aber warum nur schauen? – Mitmachen! Wie die Religion das wahre Leben nach dem qualvollen irdischen erwartet, so spricht Hagens Plastinateclub das Subjekt in der spektakulären Warengesellschaft an seiner schwachen Stelle an: das Monadendasein endlich abstreifen, den eigenen Körper verewigen, ihn der großen gemeinsamen Sache des wissen- schaftlichen Fortschritts verschreiben um endlich etwas aus seinem unbedeutenden kleinen Scheißleben zu machen – hinterher! Selten war ein Ausstellungskonzept interaktiver.

Entsprechend sektenhaft gibt sich dann auch das Material für die Anwerbung von Neu-Mitgliedern im Plastikclub: „Ich schließe mich gerne den Ausführungen Prof. von Hagens an, weil der plastinierte Körper eines Menschen, die Schönheit und Natürlichkeit in seiner ganzen Vielfältigkeit einem Zwecke dienlich ist, nämlich der Forschung und Demonstration echter und natürlicher Lehrpräparate für die gesamte Menschheit. Es ist für mich wichtig, eine solch sensationelle Arbeit wie die von Prof. von Hagens unbedingt zu unterstützen“, wird ein männlicher Körperspender zitiert. Eine weibliche Spenderin wirkt hoffnungsvoll: „Ich habe im April dieses Jahres die Ausstellung in Berlin gesehen. Auch wenn ich beruflich (Krankenschwester) nicht ganz unbedarft bin, haben mich die Exponate beeindruckt, oder gerade deshalb. Unser Körper ist doch ein Wunder der Schöpfung. Was meinen betrifft, habe ich ihn durch Jahrzehntelange Bulimie nicht gerade freundlich behandelt. Es ist auch ein Wunder, daß er in längeren Phasen immer wieder funktioniert und bis auf die Zähne wenig Schaden davongetragen hat. Ich stelle Ihnen diesen Körper, mit dem ich wohl auch den Rest meines Lebens nicht ganz zurecht komme, zur Verfügung. Er soll Ihnen nützlich sein und vielleicht auch eine Heimat finden, die ich immer wieder neu suche.“

Und eine andere Körperspenderin sagt glücklich: „Mit der eigentlichen ‚Lebensaufgabe‘, Kinder zu gebären und sie aufzuziehen, um ein Aussterben der Menschheit zu verhindern, konnte ich mich bisher nicht recht zufrieden geben. Stets fragte ich mich, wozu bist noch da? Und nun, wo ich von Ihrer Möglichkeit gehört habe, seinen Körper nach dem Ableben der Plastination zur Verfügung zu stellen, faszinierte mich diese Tatsache sofort ungemein. Um meinen Nachkommen, vier Kindern mit ihren Familien, keine Grabpflege aufzuzwingen, wollte ich ohnehin schon auf die grüne Wiese, aber in meiner neuen Absicht, meinen Körper der Wissenschaft zur Verfügung zu stellen, habe ich eine viel bessere Alternative gefunden.“ Genderspezifische Unkörperlichkeitsvorstellungen (bloß niemandem auf die Nerven fallen, am besten gar nicht vorhanden sein) verbinden sich mit einem nach dem Tod endlich verwirklichten Lebenszweck. Dass es traurig klingt, wenn die Vorstellung, nach seinem Tod in Plastik verwandelt zu werden, eine Hoffnung für jemandem darstellen kann, liegt wohl nicht zuletzt an der Monströsität des Unglücks, das ein Leben beinhalten muss, das einen dazu bringt, zumindest nach dem Tod plastiniert zu etwas nützlich sein zu wollen.

Wenn ein weiterer Körperspender sich bedankt „für die zeitgemäße Möglichkeit, die letzte Angelegenheit so elegant zu Ende zu bringen“, so liegt der Gedanke nahe, dass eine Menge Leute vielleicht auch nur der Gedanke fasziniert, als quasi unbeschädigter, viel ‚perfekterer‘, weil verarbeiteter Körper praktisch bis in alle Ewigkeit herumzustehen, aber nicht mit abgezogener Haut und ihrem Gehirn in der Hand auf einem Pferd mit gleichfalls abgezogener Haut reiten wollten. „Provokationen sind die notwendigen Überraschungseier demokratischer Erneuerung“, sagt Plastinator Hagens.

Ob man sich plastinieren lassen will oder nicht, ist eine private Entscheidung. Das Problem ist eine Gesellschaft, in der man das Gefühl bekommt, das zu wollen. Mehr sein zu wollen als eine elende Arbeitermonade und sich deswegen plastinieren lassen zu wollen, steht im Gegensatz dazu, moderne warenförmige Subjektivität über sich hinauszutreiben und aus einer radikalen Unzufriedenheit heraus Bedürfnisse zu entwickeln, die von dem Bestehenden nicht befriedigt werden können.

SCHÖNE DINGE AUS HEIDELBERG & DALIAN
Bis der kostenlose Nachschub aus heimischer Produktion für die Plastinat-Industrie gewährleistet ist, wird weiterhin auf dem Weltmarkt dort eingekauft, wo die Gestehungskosten am niedrigsten sind. Hagens produziert modern: Das Menschenmaterial kommt daher, wo es am billigsten ist, gefertigt wird am günstigsten Produktionsstandort. In Plastinationszentren in Kirgisien und in Dalian (China) werden menschliche Körper zu anorganischem Material verarbeitet, ein in Bezug auf den Menschen wahnsinniger Prozess. 300 unterbezahlte Arbeiter- Innen schneiden in diesen Fabriken tagtäglich menschliche Leichen in Scheiben, schaffen künstliche Körperein- und -ausgänge, bauen Körper mal aus Muskeln, mal mit irgendwelchen Knochen zusammen und rühren ganze Menschen in Kesseln voller Aceton herum. Eine innovative Geschäftsidee, die Recycling zu Ende gedacht hat. „Ich bin ein Leichenveredeler, mache aus einer Leiche ein Edel-Plastinat“, rühmt sich Hagens in der ‚Welt‘.

Die Frage, wo die Leichen herkommen, ist eine schon viel behandelte, aber nichtsdestotrotz interessante Frage. Der ‚Spiegel‘ stellte das globale Vertriebssystem von Hagens samt Briefkastenfirma in Gibraltar ausführlich dar. Dass Hagens auch Erschießungsopfer des chinesischen Staats zur Plastination benutzt, klingt bei ihm so: „Nach jeweils einem halben Leben in Deutschland Ost und Deutschland West fühle ich mich in China ganz besonders wohl, wo kapitalistische Schaffenskraft mit sozialistischer staatlicher Durchsetzungskraft eine aufregende, effektive Allianz eingeht“. Nichts anderes hatte Debord mittels des Begriffs des „integrierten Spektakels“ kritisiert. Der „Mitteldeutsche“ Rundfunk beleuchtete in einer Dokumentation die äußerst fragwürdigen Umstände, unter denen die Leichen für die Plastination beschafft werden: Die meisten Toten kommen aus Krankenhäusern in China und Novosibirsk, wo das Abkaufen von Leichen anscheinend ein wenig unbürokratischer geregelt ist als hierzulande, und für alle gibt es angeblich entweder Einverständniserklärungen, oder sie hätten keine Angehörigen.

Inzwischen ermittelt die russische Staatsanwaltschaft gegen Hagens. Denn offensichtlich hatten doch alle Toten Angehörige, und Einverständniserklärungen liegen bisher natürlich keine vor. Viele Angehörige suchen bis heute nach Leichen ihrer Verwandten. Ihnen wurde irgendwelche Asche ausgehändigt, die Körper hingegen nach Plastination City abtransportiert. Gelten zolltechnisch die in Plastik verwandelten Toten einmal als „Präparate“, sind sie weitaus leichter über Grenzen zu schaffen als Leichen. Für Präparate gelten ungefähr ähnliche Bestimmungen wie für Autoreifen.

Sollte der Heidelberger Unternehmer zukünftig genügend freiwillige Körperspender aus Deutschland zur Verfügung haben, wird dadurch nichts besser: denn es bleibt der anfängliche Raub und die in Drittweltstaaten erfolgte Aneignung von Körpern, welche dann eine potentielle aktuelle legale Plastination ermöglicht. Durch avancierte Verfahren in der pränatalen Diagnostik werden hierzulande aber weiterhin die Chancen vereitelt, auf tolle Freak-Präparate zuzugreifen – so wird zumindest ein Submarkt von Ost nach West weiterhin bestehen bleiben.

Für den damaligen Hamburger Senat spielte das offene Verfahren gegen Hagens in seiner Entscheidung jedenfalls keine Rolle, das einzige Argument war, mal wieder eins dieser großen Kulturevents zeigen zu können, die schon irgendwo anders erfolgreich waren. Der Bezirk Mitte, der Hagens‘ Ausstellung mit einigen Auflagen versehen wollte, wurde vom Senat als nicht zuständig erklärt und die völlig unzensierte Präsentation ermöglicht.

Und so blitzt wieder einmal die Barbarei hervor, welche für „den Standort“ zur Beförderung der Verwertung und Anbetung deren Logik gerne in Kauf genommen wird. Wie die Herkunft, also das „Entstehen“ der „Exponate“ aus China und Kirgisien nicht interessieren – was bereits vom Organ- und Menschenhandel hinlänglich bekannt sein dürfte –, so fällt in Zeiten der Krise auch der ethische Surplus, entsprechend des kapitalen Katzenjammers. Der Kreis schließt sich zumindest annährend da, wo stolz auf die Quoten verwiesen wird, mit denen Flüchtlinge u. a. in die Länder abgeschoben werden, aus denen sie dann als Präparate zurückimportiert werden können.

LEICHENTEILE IN SIEGERPOSEN
„Formalinpräparate in Gläsern, ohne laiengerechte Beschriftungen, verursachen eher einen Gruselschock. Im Unterschied dazu stellt sich beim Betrachten von Plastinaten Körperstolz ein. Dies trifft insbesondere für Gestaltplastinate zu, weil sich der Besucher hier ganzheitlich wieder erkennen kann. Das Plastinat dient dabei als optische Brücke zum eigenen Körper. Ein weiterer Grund für die Attraktivität der Ausstellung liegt im beständigen Vergleich von gesunden und kranken Organen, was bisher so nicht gezeigt wurde”, doziert Hagens in einer Pressemitteilung. Gerade der Deutsche unterscheidet ja auch besonders gern gesund von krank. Was hat es mit der von Hagens bereits im Nazijargon „Körperstolz“ genannten „Ganzheitlichkeit“ auf sich?

Die „Gestaltplastinate“ genannten Leichen, die „Ganzkörper“ zu nennen sich aufgrund ihrer Zerfleddertheit verbietet, stehen in faschistischen Siegerposen herum: „Der Werfer“, „Der Fechter“, das „Scheuende Pferd mit Reiter“ könnten allesamt aus Riefenstahls ‚Fest der Schönheit‘ stammen – nur dass die für ihren Vitalismus wenigstens auf lebendige Körperstolze zurückgriff. Arnold Broeker goss ähnliche arische Heldenposen in Bronze. Aufgerissene Körper, aus denen gleichsam Schubladen gezogen werden, zitieren mit Dali den rechten Zweig des Surrealismus.

Der gehäutete Mensch auf dem „scheuenden Pferd“, gleichfalls ohne Haut, hält beide Gehirne in den Händen, und sitzt dabei noch doppelt auf dem sich aufbäumenden Tier: Das Skelett des Menschen ist vor seinen Muskelsträngen angebracht, der Schädel des Pferds schaut keck unterhalb des Schlüsselbeins aus der Brust heraus. „Die ästhetischinstruktive Darstellung der Funktion erfordert eine dynamische Positionierung“, heißt es in ‚Ein Führer durch die Ausstellung‘. Hagens Skulpturen zeigen jedoch mitnichten Vorgänge im Körper, sondern nur das reine Material, erklären also nichts, sondern affirmieren nur. Im Vordergrund steht die Ästhetisierung des toten Körpers, ausgestellte Nekrophilie.

Das Publikum nimmt Hagens „künstlerischen“ Beitrag gern an: alles ist sofort erkennbar, hier „der Denker“, dort „der Reiter“; doch Kern des Künstlerischen ist ein mieses Ähnlichkeiten-Spiel. In diesem können sich ein stumpfes kleinbürgerliches Kunstverständnis mit dem „Genie“ treffen: Die Kumpanei zwischen Begaffern und dem Herrn Künstler wird perfekt, wo sich kein neuer Gedanke eröffnet außer „erkenn ich wieder“.

Doch es lässt sich zumindest ein wenig mehr wiedererkennen: Hagens Ästhetisierung von Körperinnerem, schwangere Frauen mit aufgeschnittenem Bauch, die ihre ungeboren gebliebenen Babies präsentieren, bilden Handlungen bei Kriegsmassakern ab, bei denen auch mit Vorliebe Schwangeren der Bauch aufgeschlitzt wird. Nur dass Hagens Echtpuppen sich auch noch genüsslich räkeln, während sie ihren offenen Bauch mit Fötus drin darbieten.

Hagens Werk ist dem des amerikanischen Massenmörders Ed Geen verwandt, welcher die Vorlage für zahlreiche Horrorfilme (u. a. ‚Psycho‘, ‚Texas Chain Saw Massacre‘, ‚Das Schweigen der Lämmer‘) lieferte. Indem er Teile toter Körper als Material für neue Zusammensetzungen benutzte, initiierte der einen fetischisierten Umgang mit menschlichen Körpern auf neuer Ebene. So wird der tote Mensch als reiner Fetisch rezipierbar.

In der ‚Welt‘ hatte der selbst ernannte „Erlebnisanatom“ angekündigt, in Hamburg „die Fortpflanzung“ – etwa in Form eines erigierten Penis und einer Klitoris – zu betonen. Seine Begründung: „Das passt ja auch ganz gut zum Hamburger Standort.“ Weiter gehende Ideen seien „ein Liebesakt, ein Streichquartett, eine Einkunstläuferin – oder ein Jesus am Kreuz“. In Hamburg wurde ‚Körperwelten‘ im Erotic Art Museum gezeigt. Da liegt es natürlich nahe, ganzkörperplastinierte Leichen in einschlägigen Posen hinzuzunehmen – langfristig, versteht sich, wenn dort eine ständige Ausstellung installiert sein wird, wie es der Hamburger Senat und der Leichenskulpteur vorsehen.

TOTE ARBEIT, TOTE KÖRPER
„Wir bewegen uns in einer vom Krieg zerstörten Landschaft, den eine Gesellschaft gegen sich und ihre eigenen Möglichkeiten führt.“ (Situationistische Internationale)
Leider ist es nicht einfach nur gaga wenn Hagens sich seiner Zeit voraus wähnt. Denn seine Inszenierung als faschistisches Künstlergenie, das sich an toten menschlichen Körpern austobt, verweist auf den drohenden Barbarisierungsschub kapitaler Vergesellschaftung in der Krise, lässt schaudernd erahnen, was auf das lebendige Material zukommen wird. Dessen komplette Degradierung zum Rohstoff der Verwertung bringt gleichzeitig seine verschärfte Selektion nach deren Kriterien mit sich, obwohl – und gerade auch weil – der immer größer werdende Reichtum der kapitalistischen Gesellschaft sich nur in Waren ausdrücken kann und diese von immer weniger Menschen hergestellt werden können, während doch fast alle proletarisiert sind, ihre Existenz also nur auf dem erfolgreichen Verkauf ihrer einzigen Ware, der Arbeitsfähigkeit, gründet.

Auf Seiten des Staates bleibt die Tendenz des Überflüssigwerdens immer größerer Teile dieser Proletarisierten für die Akkumulation des Kapitals allein schon durch ausbleibende Einnahmen aus deren nicht mehr existenten Löhnen nicht unbemerkt. Da nicht abzusehen ist, dass diese Entwicklung sich noch einmal umkehren könnte, werden die unnützen Esser aussortiert, denn die Masse der Arbeitslosen bis zum nächsten Boom durchzufüttern lohnt nicht mehr. Wer sich fit hält und fortbildet hat noch Chancen alimentiert zu werden. Wer jedoch dem Bild des allzeit bereiten Arbeitskraftbehälters nicht entsprechen kann oder will, dessen gesellschaftliche Duldung staatlicherseits läuft unwiderruflich aus. So drücken sich die Möglichkeiten der kapitalistischen Gesellschaft, ihren Reichtum immer gewaltiger zu steigern, in dem wachsenden Elend jener aus, die diesen herstellen.

So, wie die lebendige Arbeit auf die tote Arbeit übergeht, die ihr dann gegenübersteht und über sie herrscht, sorgt Hagens dafür, dass die gesellschaftliche Logik auch auf den toten Arbeitskraftbehälter übertragen wird. Die Ausstellung radikalisiert noch einmal den gesellschaftlichen Prozess – ein Vorgang, für den nunmal Faschisten zuständig sind. In bestimmter Hinsicht macht Hagens noch einmal sichtbar, was sowieso passiert – und ermöglicht so eigentlich eine Kritik der Verhältnisse durch einen neuen Blickwinkel.

Über die Würde von Toten in einer Gesellschaft zu schwadronieren, in der Lebende weit davon entfernt sind, so etwas wie Würde zu besitzen, greift genauso kurz wie das ignorante Geschwätz von Tierschutzinitiativen, die beim Kampf gegen das Quälen von Tieren dem Quälen von Menschen nahezu gleichgültig gegenüberstehen. Und so ist es auch kein Zufall, dass es Tierschützer sind, die gegen ‚Körperwelten‘ vorgehen: Das Bundesamt für Naturschutz (BfN) will Ermittlungen gegen Hagens wegen des Verdachts des Verstoßes gegen das Washingtoner Artenschutzabkommen und des illegalen Besitzes von geschützten Tierarten einleiten. Hagens sei seit mindestens Juni 2003 im Besitz eines toten Gorillas. Da die Menschenaffen der höchsten Schutzstufe des Abkkommens unterlägen, müssten die Tiere bei Einfuhren nach Europa im BfN registriert werden. Für tote Gorillas oder Teile davon habe das Amt seit 2000 keine Genehmigungen gegeben.

Menschen jedoch gibt es nicht zuwenig, sie unterliegen nicht dem Washingtoner Artenschutzabkommen.

EIN NEUER DR. FRANKENSTEIN
Dass der „Schöpfer“ von „Körperwelten“ sich überwiegend mit einem Hut abbilden lässt, den man von Verbindungsstudenten mit Profilneurose, Typen in Lodenmänteln oder Beuys kennt, sollte eigentlich schon Warnung genug sein. Als „Weltenerschaffer“ erfüllt er die Stereotypen des mad professor mit allen Schikanen, des unverstandenen Genies, das antizipiert, was erst noch Normalität werden wird. Selbstredend muss er solche veritablen Kracher bringen wie: „Irgendwann wird mich niemand mehr verlachen“, – toll!

Also, was ist das Problem mit dem Kerl, der seine eigene Freakshow sein könnte? Auf den ersten Blick mag es diese gewisse Schwäche der Deutschen für Idealisten sein – einer von denen, welche aktenkundig den oben zitierten Satz von sich gegeben haben, war bekanntlich ein hässlicher kleiner Österreicher, dessen Pläne für jene Ich-Schwäche maßgeschneidert waren, welche Uderzo und Goscinny in „Asterix und die Goten“ ethnologisch präzise nachgezeichnet haben.

Von Hagens ist die Karikatur der Frankenstein-Figur: Mary Shelleys Romanfigur Dr. Frankenstein repräsentiert in der Literatur Anfang des 19. Jahrhunderts den Punkt der Aufklärung, an dem diese sich gegen sich selber richtet. Frankenstein repräsentiert den neuen „freien“ Menschen, der von Gott und Aberglaube emanzipiert ist, dessen Denken keine Grenze mehr kennt und akzeptiert. Dr. Frankenstein wird als ein verkanntes, aus seiner Zunft verstoßenes, wissenschaftliches Genie beschrieben, das der Forschung und dem Fortschritt dient. Er will die technischen und moralischen Grenzen der Wissenschaft überwinden und neu definieren: der lebende, künstliche Mensch, zusammengefügt aus toten Organen und Fleisch. Der Funke des Lebens wird in den aus Leichenteilen zusammengesetzten Körper gepumpt. Die Seele und das Bewusstsein dieser Kreatur sind im Fleisch verankert und werden mit der Belebung des toten Körpers ebenfalls erweckt. Hagens erweckt keinen Toten zum Leben, er gibt den Leichen aber die Posen der Lebenden.

Hagens versucht, ein Naturrecht mit sich als Herrscher zu installieren: Er ist der Herr über Leichen, geht mit ihnen spazieren und bringt sie in Posen, durch die erst er ihnen „Leben“ einhaucht. Über seine selbst postulierte Rolle als Aufklärer geht er damit weit hinaus. „Kleriker und Wissenschaftler sammeln seit langem Unmengen menschlicher Relikte und stellen sie zur Schau“, rechtfertigt sich Hagens im ‚Führer durch die Ausstellung‘. In diese Tradition des Reliquienbewahrens und archäologischen Grabens reiht sich der Leichengott nur zu gern ein. ‚Körperwelten‘ gerät so zum barbarisch gewendeten, diesseitigen Religionsersatz.

Auf jeden Fortschritt der Aufklärung in der aufsteigenden Phase der bürgerlichen Gesellschaft folgte ein Aufjaulen der Kirche. So auch im Roman auf Frankenstein und das von ihm erzeugte Monster, denn der Tabubruch des selbst erzeugten Wesens stand nicht auf dem ewigen Plan des himmlischen Schöpfers.

In der fortschreitenden Überwindung der Abhängigkeit von der ersten Natur erwuchs die unbewusst erzeugte „zweite Natur“ (Marx) als stets prozessierendes Resultat der Herrschaft der vergesellschaftenden Form des Werts über ihre ProduzentInnen. Die Widersprüche arbeiteten weiter und das mit der Entwicklung der Produktivkräfte möglich werdende Reich der Freiheit wurde nicht erobert; somit wirkten sich die Potenzen gesellschaftlicher Arbeit weiterhin als Destruktivkräfte aus. Die Barbarei, also ein Abweichen vom geschichtlichen Fahrplan auf dem Weg zum Sozialismus, eine den staats- und arbeitsfetischistischen 2. und 3. Internationalen unvorstellbare Option, wurde auf der Höhe kapitalistischer Technologie und antikapitalistischer Ideologie wahr: die Shoah.

Seitdem ist der „Tabubruch“ kein per se die Kräfte der alten Welt herausforderndes, fortschrittliches Unterfangen mehr – denn er wurde vom Revisionismus, der Leugnung der Shoah rekuperiert. Der einzige wirkliche Tabubruch ist die kommunistische Revolution, denn sie tut Ungeheuerliches: den Arbeitszwang, die Ware, das Geld, den Staat und alle Sphären abschaffen, alles scheinbar Naturhafte der bürgerlichen Gesellschaft verlachen und eine Welt des hemmungslosen Genießens der mit sich versöhnten Menschheit schaffen, welche sich nicht auf das Jenseits vertröstet, sondern vom Diesseits endlich Besitz ergreift.

/McGuffin Foundation, Sektion Hamburg, 2004

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