Der nicht benannt werden darf

Einige Kommentare zur „Augstein-Debatte“.

Wenn die Deutschen alle zusammen etwas sind, sind sie es ganz besonders doll. Am schönsten war das Gemeinschaftsgefühl damals im Sportpalast, aber dann kamen ja die Engländer und haben alles kaputtgemacht. Seit „wir“ „wieder wer“ sind, geht es, ein bisschen holprig zwar, aber doch voran. In den vergangenen Jahren sind wir immerhin schon Weltmeister der Herzen und Papst gewesen. Nun sind wir alle Jakob Augstein. In diesem Fall taugt das jedoch nicht zur Parole. Das liegt daran, dass der Grund, warum wir alle er sind, nicht ausgesprochen werden darf. Das Simon Wiesenthal Center in Los Angeles hat Jakob Augstein zum neuntschlimmsten antisemitischen Schmierer der Welt gekürt – und damit in ein Wespennest gestochen.

Auf ‚Spiegel Online’ hatte Augstein über den Einfluss der „jüdischen Lobby“ auf den amerikanischen Präsidenten schwadroniert, Israel als Gefahr für den Weltfrieden bezeichnet, jüdische Ultra-Orthodoxe mit Selbstmordattentätern gleichgesetzt und die Israelis als Urheber von Konflikten in vielen anderen Ländern halluziniert. Es erscheint eigentlich nicht übertrieben, den Autor solcher Gedanken zwischen dem norwegischen Verschwörungstheoretiker Trond Ali Linstad und dem amerikanischen Nation-of-Islam-Holocaustleugner Louis Farrakhan einzuordnen, wie es auf der Top-Ten-Liste des Wiesenthal Centers geschehen ist.

Augstein selbst wies den Vorwurf des Antisemitismus auf seiner Facebook-Seite jedoch als „grotesk“ zurück. Der ‚Freitag’ witterte eine Verschwörung,1 der ‚Stern’ vermutete vorsichtig, „dass die Solidarität mit Augstein ein Hinweis darauf sein könnte, dass sich das Simon-Wiesenthal-Institut mit seiner erneuerten Einschätzung [Augstein einen Antisemiten zu nennen] vielleicht vergaloppiert hat“,2 Politiker von CDU bis zur Linken nahmen Augstein in Schutz,3 der ‚Spiegel’ verwies „die Sache“ „ins weite Reich des Absurden“;4 die ‚Taz’ nannte den Vorwurf „abstrus“ und schloss sich gleich explizit mit Augstein – der um sich holzenden Antisemitismuskeule vorgreifend – in den gleichen Zusammenhang ein: „Welcome to the club!“5.

Die Identifikation großer Teile der deutschen Medienlandschaft mit Augstein zur Verteidigung gegen den Antisemitismus-Vorwurf folgt denselben Reflexen wie 1945, als sich die Deutschen die „Kollektivschuldthese“ ausgedacht haben. Damals wiesen sie, konfrontiert mit dem begangenen Massenmord im Holocaust, weit von sich, für diese Taten verantwortlich zu sein. Dass niemand den Vorwurf der Kollektivschuld erhoben hatte, fiel ihnen in ihrem Wahn gar nicht auf – insgeheim wusste das Gros der Deutschen sehr wohl, dass die Morde, auch wenn sie diese nicht eigenhändig begangen hatten, in ihrem Namen und von ihnen gutgeheißen angerichtet worden waren.

Die Ungeheuerlichkeit der Taten hatte sie zuvor jedoch nicht etwa zurückschrecken lassen davor, sie zu fordern, geschehen zu lassen oder zu begehen; gleichzeitig waren jene zu schrecklich, um sie wahrhaben zu können. Die Übermacht der Bilder aus den befreiten Konzentrationslagern verunmöglichte ihnen die einfache Negation („Hat nicht stattgefunden“). Daher agierte die große Mehrheit der Deutschen so, als wären die aus rasendem Antisemitismus begangenen Morde erst im Auge der Betrachter entstanden und als müsste ihnen dort gewehrt werden. So wichen sie auf die subjektive Schuldnegation aus, die aufgrund ihrer interpersonellen Nähe meist gleich im Plural formuliert wurde: „Haben wir doch alles nicht gewusst“. – Die Bindung der Deutschen untereinander ist so stark, dass sie geradezu keinen Abstand zum nächsten haben, dieser klebt innerlich quasi direkt an ihnen dran (und umso krasser muss die Abgrenzung dann erfolgen, wenn sich jemand, und sei es auch nur scheinbar, von ihnen unterscheidet). Deswegen wussten sie gleich, wer noch alles nichts gewusst hat.

Die Fortdauer des Gedenkens an die Shoah stellte sich für die Deutschen als „Dauerrepräsentation unserer Schande“ (Martin Walser)6 dar. Da keine wirkliche Abkehr vom Antisemitismus der Eltern- und Großelterngeneration stattfand, sondern er verdrängt wurde und den Antisemiten fürderhin selbst ganz unsichtbar wurde, kehrte sich die Schuldabwehr zunehmend in eine Anklage um gegen diejenigen, die darauf bestanden, nationalsozialistische Kontinuitäten in Deutschland aufzuzeigen oder von Deutschland mehr zu verlangen als die Behauptung einer „Stunde 0“, in der das Konto wieder ausgeglichen wird und alles, was vorher war, nicht mehr zählt. Antisemitismuskritiker und in letzter Instanz der Staat Israel haben in der Sicht der Deutschen ihren Teil des Schweigegelübdes nicht eingehalten.

Die Hoffnung, die Deutschen über Bewusstwerdung dazu zu bringen, sich mit ihren Taten im Nationalsozialismus auseinanderzusetzen, muss als gescheitert betrachtet werden. Noch jede Gedenktafel an die Opfer des Nationalsozialismus und jedes Holocaustmahnmal hat letztendlich an der Identität der Deutschen gezerrt: Jetzt haben wir doch wirklich mal genug gedacht, jetzt soll endlich auch mal Schluss sein, alles wiedergutgemacht und wir waren auch Opfer. Der unbedingte Wunsch zum Gleichmachen von Tätern und Opfern – schließlich sind wir doch auf eine Art alle von Hitler betrogen worden: die einen um ihre Möglichkeit, zu leben, die anderen um den Endsieg – äußert sich bei Augstein auf ganz explizite Art: „Wahrscheinlich gehören alle Deutschen auf die Couch, so wie wahrscheinlich alle Juden“, sagte er im Spiegel-Gespräch mit dem Vorsitzenden des Zentralrats der Juden in Deutschland, Dieter Graumann, und setzte noch nach: „Ja, wir müssen alle auf die Couch. Nebeneinander.“7

Doch das deutsche Bedürfnis nach Schuldumkehr, wie es der israelische Psychoanalytiker Zvi Rex auf den Punkt gebracht hat („Die Deutschen werden den Juden Auschwitz niemals verzeihen“), hält nicht bei einer Gleichsetzung inne. Denn nicht nur darf man in Deutschland Antisemiten nicht Antisemiten nennen,8 sondern eigentlich sind die Benenner des Antisemitismus sogar das Problem und quasi die wirklichen Antisemiten, indem sie „dem schleichenden Antisemitismus Vorschub leisteten“ (siehe etwa: „Wer hasst da wen? – Das Simon-Wiesenthal-Zentrum diffamiert einen Israel-Kritiker“, ‚Die Zeit’ 2.1.2013, exemplarisch auch die Leserkommentare)9. Augstein selbst findet das auch,10 gleichzeitig hofft er jedoch geradezu auf eine Inflation des Antisemitismusvorwurfs, welche die Kritik entwertet. Der Einfachheit halber behauptet er diese schon mal: „Je häufiger der Antisemitismus-Vorwurf für kurzfristige, politische Zwecke eingesetzt wird, desto irrelevanter wird er. Der Prozess hat schon längst begonnen: Früher war es eine Schande, für einen Antisemiten gehalten zu werden. Inzwischen muss man solchen Vorwurf nicht mehr ernst nehmen.“11

Dabei war es durchaus Augstein selbst, der auf den Assoziationszusammenhang von Schuld, Anklage und Gerichtsverfahren hingewiesen hatte: „Da ich kein Angeklagter bin und Rabbi Cooper [Abraham Cooper, der stellvertretende Direktor des Simon Wiesenthal Centers] kein Richter und da er Vorwürfe gegen mich erhoben hat und nicht ich gegen ihn (oder überhaupt gegen Juden) musste ich das [Ansinnen, dass Augstein sich entschuldigt] ablehnen“, schreibt Augstein am 31.1.2013 auf seiner Facebook-Seite.12 Vor einem ordentlichen Gericht hätte er, schwingt implizit in diesen Sätzen mit, in der Bürgersoldatentradition Adolf Eichmanns, selbstverständlich Rede und Antwort gestanden und eine Verteidigungsstrategie erarbeitet. So hingegen geht es ihm einfach um sein Recht auf Meinungsäußerung, dass er durch die Kritik an ihm eingeschränkt sieht.13

Das deutsche Feuilleton generiert wie der deutsche Bundestag die These, dass die Deutschen wieder jemand seien, die in der Welt etwas zu sagen haben sollten. Dabei herrscht weitgehende Einigkeit darin, wie weit die „Israelkritik“ gehen darf, um mainstreamfähig zu sein. Das Spektrum ist in den vergangenen Jahren stark erweitert worden. Augstein bewegt sich mitnichten jenseits dessen, was die Gesellschaftsmitte auch findet, er fasst die als politisch korrekt geltende Fassung seines Ressentiments nur in geschriebene Worte. National ist das allen klar – nur die amerikanische (in diesem Fall: West-)küste hat da mal wieder was zum Nörgeln gefunden. Doch Augstein steht bei weitem nicht allein mit seiner Meinung. So scheinen sich etwa auch die ‚Spiegel’-RedakteurInnen Susanne Beyer und Erich Follath, die das oben schon zitierte Gespräch mit Augstein und Graumann führten, für eine der Top-Ten-Listen der nächsten Jahren bewerben zu wollen: „Der designierte neue amerikanische Verteidigungsminister Chuck Hagel hat einmal gesagt: ‚Die jüdische Lobby schüchtert viele Menschen hier ein.’ Er hat es bereut.“14

Wer von der jeweils mainstreamfähigen Art, „Israelkritik“ zu üben, abweicht, muss nicht unbedingt Ausschluss fürchten – inhaltlich kann er aber auch nicht auf hundertprozentige Unterstützung hoffen. So war etwa der Duisburger Linken-Politiker Hermann Dierkes schon 2011 auf einer Best-of-Antisemitenliste des Wiesenthal Centers gelandet, wie Augstein dieses Mal auch auf Platz neun. Öffentlich aufgeschrien hat damals nur er selbst. Zuvor hatte er zum Boykott israelischer Produkte aufgerufen und vom „sogenannten Holocaust“ geschwafelt – das war zu krass, (noch) nicht gesellschaftstauglich. Augstein ist zurückhaltender im Ton, trifft den Zeitgeist besser, geriert sich als Speerspitze der neuen deutschen Normalität – nicht alle sehen die Welt exakt so wie er, aber doch ungefähr.

Wenn Augstein fragt: „Sollen wir verschweigen, dass Israels Regierung Recht bricht und es auch Alternativen gibt?“ und eine solche Vorgehensweise „neurotischen Journalismus“ nennt, sagt er selbst ganz explizit, dass diese Sätze aus ihm herausmüssen, dass er kaum an sich halten kann, sie zu schreiben. Wie Nationalschriftsteller und Waffen-SS-Mitglied Günter Grass in seinem Anti-Israel-„Gedicht“ auch übers Schweigen lamentierte, das er aber einfach nicht mehr durchhielt („Warum schweige ich, verschweige zu lange, was offensichtlich ist und in Planspielen geübt wurde … ). Es musste heraus, „muss gesagt werden“, Schweigen geht nicht mehr – die Antisemiten sagen es selbst dazu: Ihr Antisemitismus aka „Israelkritik“ ist so stark, dass er ganz von selbst nach außen drängt. Stärker als er ist nur seine Verdrängung. Deswegen darf Antisemitismus hierzulande nicht beim Namen genannt werden. Jeder Verstoß gegen dieses Verbot ruft alles an einvernehmlicher kollektiver Abwehr hervor, was aufgeboten werden kann. Es bleibt nur die Hoffnung darauf, dass die Neurose stark genug ist, um die Antisemiten zurückzuhalten.

tagediebin

  1. http://www.freitag.de/autoren/crumar/3d-antisemitismus-test-2013-eine-farce [zurück]
  2. http://www.stern.de/politik/deutschland/besuch-beim-wiesenthal-zentrum-wie-jakob-augstein-zum-antisemiten-wurde-1964230.html [zurück]
  3. http://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2013-01/augstein-antisemitismus-vorwuerfe [zurück]
  4. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/antisemitismus-debatte-der-fall-augstein-a-875976.html [zurück]
  5. http://www.taz.de/!108383/ [zurück]
  6. Jakob Augstein: „Walser ist kein Antisemit. Darum fällt genetisch bedingter Antisemitismus [bei mir] aus.“ http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-90535659.html [zurück]
  7. ebd. [zurück]
  8. http://www.welt.de/debatte/henryk-m-broder/article112561269/Die-modernen-Antisemiten-argumentieren-subtil.html [zurück]
  9. http://www.zeit.de/2012/02/augstein-antisemitismus-vorwurf [zurück]
  10. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/kritik-an-israel-inflationaerer-gebrauch-des-antisemitismus-vorwurfs-a-869280.html [zurück]
  11. ebd. [zurück]
  12. Zitiert nach http://www.tagesspiegel.de/medien/antisemitismus-liste-augstein-haette-sich-gerne-mit-cooper-getroffen-/7717728-3.html [zurück]
  13. http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-90535659.html [zurück]
  14. ebd. [zurück]

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