Ein lautschweigender Konsens

Spekulationen dazu, warum es der Linken so schwer fällt, die Gegenwart des Antisemitismus im Bewusstsein zu halten.

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Vorbemerkung
Der folgende Text ist entstanden während der Diskussionen um die gewaltsame und von offen antisemitischen Parolen begleitete Verhinderung des Films „Warum Israel“ von Claude Lanzmann. Er wurde geschrieben mit der Absicht, anhand eines aktuellen Falls auf den generellen Charakter der Antisemitismusdebatten in der Linken zu reflektieren. Die zu diesem Zweck analysierten Beispiele sind mehr oder weniger Zufall, ihre Eigenarten hätten auch an anderen Stellungnahmen oder Passagen herausgearbeitet werden können, und die Schlussfolgerungen haben daher den Anspruch, eine allgemeinere Dynamik zu beschreiben. Der Text ist nicht nur mit den Ziel verfasst, einige üblicherweise vernachlässigte Aspekte des Antisemitismus zu diskutieren, sondern er soll auch dazu dazu geeignet sein, die Erfahrungen, die beim Versuch entstehen, Antisemitismus in der Linken zu thematisieren, besser diskutierbar zu machen. Dies sollte auch denjenigen möglich sein, die die Details der Vorfälle in Hamburg nicht kennen.

Die Demonstration des Bündnisses am Tag der Aufführung ist inzwischen gelaufen, und die Diskussionen darum blieben im Rahmen des Unüblichen. Beherrscht wird die Szenerie dabei offenkundig von dem Wunsch, äquidistant zu den „Streithähnen“ bleiben zu können. Schon im Vorfeld deutete sich an, dass es kaum bzw. keine Beteiligung unter den ansonsten üblichen Bedingungen geben würde. Alle außerhalb des Bündnisses handelten so, als sei es die normalste Sache der Welt, dass ein Demoaufruf nur dann unterstützt wird, wenn im Aufruftext jedes Wort der eigenen Position entspricht und wenn außerdem keine Gruppe beteiligt ist, die an anderer Stelle einmal ein falsches hat verlauten lassen. Versuche, Alternativaufrufe zu lancieren oder eigene Blöcke zu bilden, hat es nicht gegeben.

So ist es auch nicht überraschend, dass auch der Versuch, die Blockade zu wiederholen, auf wenig Widerspruch gestoßen ist. Dass am Tag der Demo deren Route mit Graffiti wie „Antideutsche klatschen“ – ein recht eindeutiger Aufruf zur erneuten Anwendung von Gewalt – versehen war, ist, soweit ich es momentan überblicken kann, von niemandem außerhalb des Bündniskreises thematisiert worden. Auch fühlte sich von denjenigen, die aus welchen Gründen auch immer sich an der Demo nicht beteiligen wollten, niemand berufen, wenigstens mit dafür zu sorgen, dass die KinobesucherInnen nicht gefilmt und fotografiert werden können. In zusammenfassenden Worten: Über den Auseinandersetzungen um linken Antisemitismus ist ein Tabu verhängt, dass bei allen Beteiligten in einer „Alles oder nichts“-Haltung zu resultieren scheint. Begreifbar zu machen, warum es sich hierbei weder um Zufall noch um individuell motivierte Entschlussunfähigkeit handelt, sondern um einen Teil des inhaltlichen Problem, das als solches auch theoretisch ernst genommen werden muss, ist die zentrale Absicht dieses Textes.

Um individuell motivierte Entschlussunfähigkeit, verursacht etwa vom Wunsch, in „der linken Familie“ verbleiben zu können, geht es dabei nicht. Es geht in diesem Fall um Gruppen, die ihrem politischen Programm nach mit großen Teilen der Linken nicht allzu viele Gemeinsamkeiten haben. Versuche, den Verlust gemeinsamer sonstiger Perspektiven zu vermeiden, können als Ursache für die Unfähigkeit, Antisemitismus Antisemitismus zu nennen, nicht herangezogen werden. Ganz im Gegenteil müssen selbst noch die inhaltlichen Differenzen, die ein Großteil der Szene zu B5, TAN und SOL hat, zurückgestellt werden, damit der Charakter des Konflikts nicht offenbar wird, mit dem niemand etwas zu tun haben möchte. Nicht nur, dass vermutlich zwischen der SOL und autonomen Antifagruppen etwa in der klassischen Organisationsfrage ausschließlich Unvereinbarkeiten bestehen dürften. Um sich einer Auseinandersetzung mit dem Antisemitismus zu entziehen, wird sogar ein Begriff von Rassismus unwidersprochen hingenommen, der jede antirassistische Stellungnahme unmöglich macht: So heißt es etwa im Flugblatt, das die SOL am 13.12 verteilt hat: „Dabei funktioniert der Antisemitismus wie jeder andere Rassismus. Demnach werden Behauptungen über Einzelne auf ganze Gruppen bezogen. Durch diese Verallgemeinerung und Hervorhebung von Besonderheiten kann man dann die jeweiligen unterschiedlichen ‚Rassen‘ anders werten.“

Was soll das? Ist es etwa mittlerweile antirassistischer Standard, dass Menschen mit schwarzer Hautfarbe deswegen nicht „Neger“ genannt werden dürfen, weil nicht alle Angehörige der „Gruppe“, sondern nur „Einzelne“ diese „Besonderheit“ aufweisen? Wird neuerdings vertreten, dass der Angst, „die Ausländer“ nähmen „uns die Arbeitsplätze weg“, entgegengetreten werden muss mit der Richtigstellung, dies sei eine unzulässige Verallgemeinerung, in Wirklichkeit täten dies nur „Einzelne“, nicht die ganze Rasse-in-sogenannten-Anführungszeichen? Sicherlich nicht, aber warum fällt eigentlich niemandem außer den antideutschen Rassisten“ auf, dass hier eine Vorstellung von Rassismus zum Besten gegeben wird, die nicht antirassistisch ist, sondern einzig den Zweck hat, die antizionistischen Phantasien vom Zionismus als Paradebeispiel für Rassismus nennen zu können? Denn der „antideutsche Rassismus“ soll ja gerade in der Unterstützung des Zionismus bestehen, der nach dem gleichen Muster rassistisch sein soll wie der Antisemitismus. Für beides gilt laut SOL, „Israel wird mit dem Judentum gleichgesetzt“. Hierin soll die rassistische „Verallgemeinerung“ bestehen. Warum ist nicht allein diese Passage geeignet, die SOL in allen antirassistischen Zusammenhängen zu diskreditieren, bevor auch nur ein einziges Wort über Antisemitismus geredet wurde?

Der linke Antisemitismus ist nicht nur ein Mangel oder ein Fehler auf einem bestimmten Gebiet möglicher linker Kritik, sondern zeigt immer auch an, dass seine ProtagonistInnen auch auf allen anderen Gebieten der gesellschaftlichen Totalität nichts Adäquates entgegenzusetzen haben. Wenn schon nicht praktisch, dann wenigstens in der Form theoretischer Kritik, die die Verhältnisse unter den Bedingungen ihrer Abschaffbarkeit betrachtet. Bei autoritär-sozialistischen Gruppen wie der SOL ist es durchaus legitim, die Kritik am „zionistischen Rassismus“ auch als Ersatz für die fehlende Auseinandersetzung mit dem tatsächlichen Rassismus der „Arbeiterklasse“ zu deuten. Hiesige Versuche antirassistischer Praxis scheitern eben auch an dieser, und nicht nur an den Abschiebebehörden. Der reale Rassismus wird so gleich auch noch aus der Welt definiert, so dass er letztlich nicht mehr auch, sondern ausschließlich in Israel gefunden wird.

In der Verweigerung der Auseinandersetzung mit derartigen Mechanismen dürfte die Gemeinsamkeit der äquidistanten Gruppen mit den AntizionistInnen bestehen, die neben den subjektiven Motiven das Tabu über den linken Antisemitismus stützt und die den Grund der Existenz eines spezifisch linken Antisemitismus abgibt. Die grassierende Angst, dass jede linke Kritik hinfällig würde, wenn die Theorie des Antisemitismus ernst genommen wird, spricht hier Bände. Was diesem Text noch fehlt, ist ein dritter Abschnitt, der die diskutierten Beobachtungen im Rahmen dieser These in einen größeren gesellschaftskritischen Rahmen stellt und versucht, Schlüsse für eine Kritik der Herrschaft zu ziehen. Er wird folgen. Bis dahin müssen die beiden folgenden Teile für sich stehen, auch wenn die Gefahr besteht, dass einige Passagen psychologistisch gedeutet werden können.

I. Was bisher geschah
Im ersten Moment sieht es aus wie immer seit Beginn der 90er Jahre, also seit jenem Zeitpunkt, ab dem die Skandalisierung des linken Antisemitismus erfreulicherweise nicht mehr den individuellen Ausschluss und damit den Abschied der KritikerInnen von der Linken bedeutete, sondern einen tiefgreifenden Bruch innerhalb eben dieser Linken. Es dürften die Erfahrungen mit der Wiedervereinigung und die von deren Bearbeitung geforderte antinationale/antideutsche Kritik gewesen sein, die hierfür die Voraussetzungen schufen. Sie trieben einem nicht unbeträchtlichen Teil der Linken die Scheu davor aus, diejenigen, die sich vom ressentimentgeladenen nationalen Kitt nicht distanzieren konnten oder wollten, in genau derjenigen Pauschalität zu verurteilen, mit der die Landsleute sich zum Volk erklärten und noch heute erklären. Eine andere Chance auf eine linke Option hat es damals wohl auch nicht gegeben, und heute sieht es nicht besser aus. Zwingend musste durch die Einsicht hindurchgegangen werden, dass das mit einem Schlag und an jeder Ecke offensichtlich gewordene nationale Gewese andere historisch-gesellschaftliche Gründe haben muss als diejenigen, die die herkömmlichen Faschismustheorien zur Erklärung anboten.

Jenseits davon gab es neben dem Anschluss an die nationale Begeisterung, wie sie sich etwa bei den Grünen breitmachte, nur die sentimentale Erinnerung an bessere, vergangene Zeiten. Eine Option, die zur Voraussetzung hatte, dass das historische Versagen der Arbeiterbewegung angesichts von Faschismus und Nationalsozialismus noch gründlicher verleugnet werden musste als zuvor. Denn wer nicht innerhalb eines Kampfes kämpft, sondern auf einer Metaebene darum, mal wieder so kämpfen zu können wie damals, muss einen Teufel tun, sich dem Ausmaß des Desasters zu stellen, das die klassische Linke weltweit als Resultat ihrer Niederlage vorfand und noch immer vorfindet.

Der Rahmen der theoretischen Beschäftigung bestand daher aus der Kritischen Theorie sowie dem französischen und amerikanischen Poststrukturalismus. Erstere war attraktiv, weil sie zum einen zu ihrer Zeit, also während des Nationalsozialismus und aus dem Exil heraus, als erste und bis heutige einzige Theorie alle wichtigen Aspekte des Nationalsozialismus zu behandeln wusste. Zudem spielte sie keine unwesentliche Rolle in der Vorgeschichte der 68er-Revolte und hatte sich somit historisch bewährt. Letzterer stand im Ruf des Neuen, Unverbrauchten, Undogmatischen, vom KGruppen-Marxismus zu Unrecht Vernachlässigten. Und einige poststrukturalistische Konzeptionen ermöglichten ja tatsächlich besseren theoretischen Zugang zu jenen Phänomen, die zuvor als die vielbeschworenen „Nebenwidersprüche“ behandelt worden waren. Dass sich ihre hiesige Rezeptionsgeschichte als Weg entpuppt hat, den sentimentalen Kampf um Kämpfe mit neuen Illusionen aufzuladen, ist genauso ein anderes Thema, wie die Affinität des Poststrukturalismus zum affirmativen Wissenschaftsbetrieb. Im Rahmen dieses theoretischen Rollbacks spielte nicht zufällig das Umfeld der Zeitung ak eine wichtige Rolle, in der sich Anfang der 90er Jahre GegnerInnen antisemitismuskritischer, antinationaler und erst recht antideutscher Zumutungen sammelten.

Schnell fiel bei all dem freilich auf, dass der nationale Kitt nicht nur die Gegenseite häuslich eingerichtet, sondern auch die eigenen „Zusammenhänge“ besetzt hatte – Staatsfeindschaft hin oder her. Eine besondere Stellung nahm in diesem Zusammenhang die Beschäftigung mit dem Antisemitismus ein. Im Vergleich etwa mit dem Rassismus, dessen Existenz innerhalb der radikalen Linken selten ernsthaft angezweifelt, sondern lediglich unter ferner liefen behandelt wurde bzw. dann, wenn es ins antiimperialistische Weltbild passte, gab es hierzu kaum linke Literatur, auf die Bezug hätte genommen werden können – mit Ausnahme weniger Texte aus dem Umfeld Kritischer Theorie, etwa dem bekannten Aufsatz von Moishe Postone. In den gängigen antifaschistischen Erklärungen etwa an den Jahrestagen zur Reichspogromnacht war zumeist verschwommen und ausweichend in der Aufzählung der „Verbrechen der Nazis“ vom „Rassenhass“ die Rede gewesen. Es herrschte die Ansicht vor, damit sei alles Wesentliche gesagt. Nicht unähnlich der heutigen Vorstellung, der Antisemitismus sei irgendwie unter Rassismus zu subsumieren und daher automatisch mit behandelt.

Gelesen werden mussten daher die Werke von SchriftstellerInnen, die mit der Analyse der Differenz von republikanischem und völkischem Nationalismus ihren Beitrag zu einem Bild vom Nationalsozialismus geliefert hatten, auf dem es sich bei diesem nicht um eine regressive Organisation der weltweit gültigen gesellschaftlichen Formen in der Krise handelte, sondern um ein Resultat spezifischer Bewusstseinsinhalte, die mit verschiedenen, eher kulturwissenschaftlichen Methoden analysiert wurden. Der gesellschaftlichen Natur gemäß waren diese SchriftstellerInnen selten aus Deutschland und häufig Jüdinnen oder Juden. Prominenteste Beispiele hierfür sind Daniel Goldhagen und Jean Amery, aber auf die Liste der Literatur gehören auch Bücher wie Saul K. Padovers „Lügendetektor“, Leon Poliakovs „Geschichte des Antisemitismus“ und George L. Mosses „Die völkische Revolution“.

Die darin vertretenen Absichten taugen theoretisch nicht als Erklärung und vermögen in letzter Instanz die gesellschaftliche Dynamik des Antisemitismus nicht so zu beschreiben, dass daran die Dialektik der Aufklärung sichtbar wird. Dennoch waren und sind solche Abhandlungen hervorragend geeignet, um angesichts der Differenz zwischen der Mühelosigkeit, mit der mit den Methoden der AutorInnen deren Gegenstand auch im Bewusstsein der Linken verortet werden kann und der äußert schleppenden und quälenden Selbstbefragung innerhalb der Linken hierzu auf die Idee zu kommen, dass das mangelnde Bewusstsein von der fortgesetzten Existenz des Antisemitismus und die fehlende Fähigkeit zu dessen theoretischer Bestimmung kaum von fehlender Beschäftigung verursacht sein konnte. Was heute davon bestätigt wird, dass der Mangel an gesellschaftskritischer Literatur zum Thema inzwischen zumindest teilweise behoben worden ist, deren Einsichten aber noch immer so heftig abgewehrt werden wie eh und je. Produkte wie die Fake-Blogs aus dem Umfeld der SchlägerInnen vor dem b-movie sind vermutlich sogar eine neue Stufe der Abwehr. Aber vielleicht ist das so neu auch wieder nicht, wer weiß schon genau, ob das Internet nicht nur die Gelegenheit bot, das zu veröffentlichen, worüber während der ersten Antisemitismusdebatten in Kneipen in St. Pauli und Kreuzberg schenkelgeklopft wurde.

Verdrängung, Abspaltung, Projektion – Keine Antisemitismustheorie ohne einen Begriff des Unbewussten
Vielmehr muss statt von fehlender Beschäftigung viel grundsätzlicher von einer enorm instabilen Verdrängung des allzu Offensichtlichen ausgegangen werden. Es ist dies eine psychologisch orientierte Grundannahme, die, entsprechend der psychoanalytischen Lehre von der Dynamik unbewusster psychischer Prozesse, davon ausgeht, dass das Verdrängte vergessen gemacht werden muss. Es handelt sich bei der Verdrängung wie bei allen psychologischen Abwehrmechanismen nicht um ein passives „die Sache einfach desinteressiert liegen lassen“, sondern um einen aktiven Vorgang. Und diese Aktivität wiederum hinterlässt deutbare Spuren im Bewusstsein. Zu diesen Spuren gehört eine Gegenbesetzung genannte Ersatzbildung, die im bewussten Denken und Handeln für das Verdrängte steht, ihm aber gleichzeitig inhaltlich entgegengesetzt ist. Ohne eine solche Ersatzbildung kann eine Verdrängung nicht vollzogen werden. Dies ist keinesfalls eine spezifische Eigenart des Antisemitismus. Verdrängungen und Gegenbesetzungen sind auch für das sonstige Alltagsbewusstsein nicht die Ausnahme, sondern völlig üblich. So wird etwa zwanghaft unterstellte „Untreue“ und die damit verbundene Eifersucht klassisch psychoanalytisch gedeutet als Gegenbesetzung, die entsteht, indem der verdrängte Wunsch abgespalten wird, selbst „fremdzugehen“. Je instabiler die Verdrängung ist, desto zwanghafter und intensiver ist die Beschäftigung mit der Gegenbesetzung, und desto störender ist die Erinnerung an den ablenkenden Charakter der eigenen Beschäftigung.

Im Fall des Antisemitismus kommt heute hinzu, dass nicht einfach irgendwelche aggressiven Wünsche verdrängt werden, sondern eben Antisemitismus, der seinerseits auf dem von der Verdrängung verschiedenen Abwehrmechanismus der Abspaltung durch pathische Projektion beruht. Projektive Abwehr hat zum Resultat, dass unbewusstes inneres Erleben durch Veräußerung derealisiert wird, so dass der Druck schwindet, das Erlebte als Teil der eigenen Psyche wahrzunehmen. Ein zentrales Moment dieses inneren Erlebens sind (bei allen Menschen vorhandene) Rückstände kindlicher Allmachtsphantasien. Zur Verdrängung steht die Projektion insofern in Beziehung, als sie eine Form ist, mit Verdrängtem und der damit verbundenen Unlust umzugehen. Dies geschieht in der Hoffnung, sich dieser zu entledigen. Daher wird sie subjektiv als entlastend empfunden. Die Projektion ist eine Form der Wiederkehr des Verdrängten. Verdrängt werden mit der Gegenbesetzung also die Resultate antisemitischer Subjektkonstitution, weshalb die psychischen Mechanismen des Antisemitismus bei der Verdrängung zur Verfügung stehen. Daher stört nicht nur die Erinnerung an die Zwanghaftigkeit der Beschäftigung mit der Gegenbesetzung, sondern alles, was den Abgleich der Vorstellung von den Eigenarten des Ersatzobjekts mit der Realität fordert. Das Bild der Außenwelt ist in dieser Situation nicht von der begrifflich und sprachlich vermittelten Wahrnehmung des Objekts dominiert, sondern umgekehrt dominiert das
psychische Bedürfnis die Wahrnehmung, was nicht notwendig die Folge jeder Verdrängung ist.

Die Verdrängung des Antisemitismus im Antizionismus, die in den 90er Jahren aufgedeckt wurde, muss daher als instabil gelten, denn in gewisser Weise offenbarte der reflektierende Blick auf die zurückliegende Palästina-Solidarität, dass sich deren ProtagonistInnen niemals mit den gesellschaftlichen und politischen Zuständen im Nahen Osten, sondern immer nur, verdrängend und projektiv, mit dem eigenen Antisemitismus und dem ihrer Umgebung beschäftigt hatten. Darauf konnte im Rahmen der Thematisierung des linken Antisemitismus spekuliert werden auf Basis des stereotypen antizionistischen Israelbilds der Neuen Linken. Der irreale Charakter dieses Bildes konnte Anfang der 90er Jahre auch innerhalb der Linken deshalb offengelegt werden, weil zwar nicht der allgemeine Grund, aber zumindest der unmittelbare innere Antrieb, an ihm festzuhalten, mit dem Wegfall der realsozialistischen Machtoption obsolet geworden war. Ersatzlos entfiel die Orientierung an den außenpolitischen Bündnisoptionen der Sowjetunion. Diese Bedingung, das ist wichtig festzuhalten, gilt nicht gesamtgesellschaftlich, sondern ganz im Gegenteil nur für diejenigen, die gegen die Vereinigungsbegeisterung an einer linken Option festhalten wollten. Sie mussten sich entscheiden in einem Konflikt zwischen der Preisgabe jeder linken Kritik ans neue Nationalgefühl und einer Kritik des grundlegenden Einverständnisses der realexistierenden Linken mit dem neuen Nationalgefühl. Die Entscheidung zugunsten der Kritik der bestehenden Grundlage des linken Kanons war eine der zentralen Entstehungsbedingungen der antinationalen/antideutschen Linken, die unterstützt wurde von leicht anders motivierten Erneuerungen des Marxismus wie dem der Krisis-Gruppe (heute Exit!). Zudem kam es durch den weitgehenden Zusammenbruch der Linken im Zuge der Wiedervereinigung zu einem beschleunigten Generationswechsel weg von AktivistInnen, deren Eltern im Nationalsozialismus im TäterInnenalter waren und gesellschaftliche Funktionen innehatten, hin zu solchen mit Eltern, die während des NS Kinder waren oder erst nach dem Zweiten Weltkrieg geboren wurden. Dieser unterschiedliche persönliche Zugang verschob die Motivlage bei der Verdrängung des Antisemitismus. Automatisch hatte das weder zu begrüßende noch abzulehnende Folgen und ist hier nicht Thema. Wichtig ist aber festzuhalten, dass damit auch subjektiv die Möglichkeit eines Bruchs entstand, weil die Älteren mit den eigenen Eltern identifiziert und deren Position entsprechend weitgehend verworfen werden konnten.

In dieser Situation wurden jedenfalls die zwei entgegengesetzten Komponenten erkennbar, aus denen das irreale Israelbild der Neuen Linken zusammengesetzt war. Von diesen aus kann auf die psychische Konfliktlage spekuliert werden, die die Wahrnehmung Israels bestimmte und die als innere Realität alles andere als irreal war. Auf der einen Seite befinden sich die aus dem nationalsozialistischen Antisemitismus bekannten Bilder jüdischer Allmacht, also Wurzellosigkeit, Künstlichkeit des Staats, illegitime Macht usw. Diese Bilder, so ist anzunehmen, sind diejenigen, die gegen die Erinnerung an die Shoa zunächst der Verdrängung unterzogen wurden. Sie sind also derjenige Teil der Gegenbesetzung, der für das Verdrängte steht. Auf der anderen Seite repräsentiert das Ersatzobjekt aber auch das (ebenfalls unbewusst zu haltende) Motiv der Verdrängung, d. h., Israel wurde als faschistischer Staat beschrieben, weil Deutschland es nicht gewesen sein durfte. Hier findet sich derjenige Teil der Gegenbesetzung, der im Gegensatz zum Verdrängten steht. Genauer gesagt wurden Eigenschaften zugeschrieben, die dem Bild vom Faschismus in den damaligen Faschismustheorien entsprechen. Der Antisemitismus kam in diesen Theorien nicht vor, und so musste den wackeren AntifaschistInnen der gesellschaftliche Zustand, zu dem der verdrängte Antisemitismus gehört, am falschen Objekt wieder erscheinen. Dieses Resultat eines psychischen Konflikts wird häufig als sekundärer Antisemitismus bezeichnet, was einerseits Sinn macht, weil ihm eine Verdrängung des Antisemitismus als Ganzes vorausgeht, andererseits aber irreführend ist, weil es ein zu glattes, unanalytisches Bild vom, dann primären, vorherigen Antisemitismus zeichnet. Es scheint dann so, dass dem primären Antisemitismus keine psychische Dynamik, sondern eine wenn auch mörderische Logik zugrunde liegt, obwohl Logik, zu der immerhin Widerspruchsfreiheit gehört, den Antisemitismus nun wirklich nicht kennzeichnet. Die „Elemente des Antisemitismus“, das berühmte Kapitel aus der „Dialektik der Aufklärung“ heißt sicherlich nicht deshalb so, weil Adorno und Horkheimer bescheiden zugeben wollten, ihren Gegenstand nur unvollständig erfasst zu haben. Der Titel ist vielmehr ein erster Hinweis auf die Ansicht, dass dem Gegenstand die sachliche Einheit fehlt, die die Voraussetzung vollständiger Erkenntnis ist. Denn im antisemitischen Bewusstsein zerfällt jeder rationale – und damit ebenso kritisierbare – Zusammenhang zugunsten völlig disparater Einzelelemente. Deswegen wird mit dem Antisemitismus die „Grenze der Aufklärung“ behandelt.

Das B5-Spektrum besteht aus denjenigen Resten, die am damaligen Antizionismus noch heute festhalten. Deren Spleen, so zu agieren, als handele es sich bei ihnen um die Avantgarde der heutigen Linken, dürfte darauf zurückzuführen sein, dass sie auf einen Zeitpunkt fixiert sind, an dem die zentralen Elemente ihrer Weltsicht zum einen entstanden sind und zum anderen dies tatsächlich Punkte waren, auf die sich fast alle einigen konnten. Dass die B5 in ihrem Flugblatt gegen „Warum Israel“ behauptet, der Film berücksichtige nicht, dass „die palästinensiche Seite“ Israel „in den Grenzen von 1948“ anerkenne, ist daher nicht als ein Fehler aufgrund falscher Informationen zu deuten. Die Behauptung stimmt zwar tatsächlich nicht, die Hamas verweigert Israel offen die Anerkennung irgendeiner Grenze, und wenn die PLO behauptet, Israel anzuerkennen, bezieht sie sich auf die von 1967. Es mag Splittergruppen geben, die behaupten, die Grenze von 1948 anzuerkennen, aber diese und nicht die Regierungsparteien als „die palästinensische Seite“ zu bezeichnen, wäre genauso irreal wie der vermutliche Grund, hier das Jahr 1948 zu nennen. Denn subjektiv drückt „1948“ die Fixierung der VerfasserInnen auf den Kalten Krieg aus, will heißen, sie sind bereit, bei der Anerkennung Israels so weit zu gehen wie die Sowjetunion, die Israel 1948 inklusive der vom UN-Teilungsplan vorgesehen Grenzen anerkannte. In die Gedankenwelt, der diese Idee entstammt, ist deren Ende wohl noch nicht integriert worden. Auch wer den Untergang der Sowjetunion bedauert, sollte ihn registrieren, um nicht in antiimperialistischem Blindflug jeden dahergekommenen antiamerikanischen Diktator mit Lenin und Stalin gleichzeitig zu verwechseln. Und weil 1948 Mao und Chruschtschow noch nicht aneinandergeraten waren, dürfen sich auch die MaoistInnen im „internationalen Zentrum“ integriert wähnen. Hätten die VerfasserInnen hingegen damit ihre Anerkennung Israels ausdrücken wollen – denn 1948 ist ja auch das Gründungsjahr –, hätte dafür die übliche Formel vom „Existenzrecht“ bereit gestanden.

Wie verbissen in Gegenwart des antiimperialistischen Bewusstseins um der vermeintlichen „revolutionären Identität“ wegen – eines der zentralen Szenethemen der 80er Jahre und ungefähr das, was heute zur „politischen Handlungsfähigkeit“ heruntergekocht worden ist – um das Recht auf antizionistisch-antisemitische Symptombildung gekämpft wurde, lässt sich nicht nur an den Hängengebliebenen ermessen, sondern auch an den zeitgenössischen Polemiken Wolfgang Pohrts. Dieser hat sich, sicherlich nicht ohne eine gewisse Lust an der Provokation, die ganzen 80er Jahre hindurch unbeliebt und verdient damit gemacht, den Alltagsverstand von Alternativ-, Öko- und Friedensbewegung als Wiederkehr verdrängter völkischer Gefühlsregungen zu dechiffrieren. Dabei hat er aber selten den Antisemitismus so scharf angegriffen wie etwa die grassierende irrationale Angst vor dem Waldsterben. All seine hellsichtigen Darlegungen etwa dazu, dass die hiesige Angst vor der Zerstörung der unzerstörbaren eigentlichen nationalen Gemeinschaft durch Gifte, Atomkriegsgefahr und unsachgemäße Mülltrennung ihre Grundlage in dem simplen sozialpsychologischen Sachverhalt hat, dass sich die Landsleute nicht leiden mögen, machen sehr viel besser die zwanghafte Fixierung auf einen äußeren Feind zwecks Erhalt des Gemeinschaftsgefühls deutlich als die heutigen, sehr viel detaillierteren Antisemitismustheorien. Diese haben den Hang, Antisemitismus zu verobjektivieren, indem sie versuchen, die Fixierungen als ideologietheoretisch bestimmbare Notwendigkeit des Denkens in Warenform zu fassen, und nicht als widersprüchliche (weil gleichzeitige) Verleugung und Verherrlichung derjenigen Notwendigkeit, die die gesellschaftliche Objektivität setzt. Es ist zudem zweifellos ein Mangel, dass die heute gängige antideutsche Kritik den Antisemitismus nur thematisieren zu können scheint, indem sie ihn von den sonstigen Widersprüchen des herrschenden Alltagsverstand isoliert und so schematisch als Denkmuster darstellt, aber immerhin ist er thematisierbar. Hätte Pohrt dies getan, wäre er sicherlich in der gesamten Linken vom advocatus diaboli zur persona non grata geworden. Diesbezüglich sind also Fortschritte zu verzeichnen gewesen, die seit einigen Jahren wieder in Frage stehen.

Die von den Folgen der Wiedervereinigung erzwungene Abkehr von all den vorherigen linken Steckenpferden und die damit entstandene Fähigkeit, sich die Niederlage einzugestehen und sich nicht mehr als Speerspitze der schweigenden Mehrheit zu begreifen, fand in Hamburg auch jenseits der allgemeinen Debatten um Staat, Nation, Kapital, Wert und poststrukturalistische Machttheorie und deutsche Besonderheit ihren Ausdruck darin, dass etwa die Stadtteilpolitik nicht mehr unter das Motto „Wir hier im Kiez“ gestellt wurde. Eine Einsicht, die schon lange wieder vergessen ist, wie sie aktuelle No-BNQ Kampagne zeigt.

Erst seitdem, dafür aber regelmäßig wiederkehrend, gibt es die Fähigkeit zu jenen Antisemitismusstreits, die immer nach dem gleichen Muster zu verlaufen scheinen. Was mit der allgemeinen Empörung über die gewalttätigen Formen der Auseinandersetzung beginnt, endet auf der einen Seite mit der Diagnose, dass es den linken Antisemitismus irgendwie, irgendwo, irgendwann wohl gibt – genauere Aussagen fallen aber schwer – und auf der anderen Seite mit der schweigenden Mehrheit, die mit all dem nichts zu tun haben möchte. Vor allem nicht mit Forderungen aus antideutscher Richtung, die den Betriebsfrieden stören.

Unerfreulicherweise ist es dabei jenseits des unbedingt Nötigen weniger das gestiegene Reflexionsniveau, sondern die allgemeine gesellschaftliche Entwicklung, die den KritikerInnen des Antisemitismus Unterstützung liefert. Dass etwa die Nazis heute Pali-Tücher tragen, den Nationalsozialismus also nicht mehr nur defensiv in Form der Auschwitzleugnung affirmieren, sondern offensiv im Bekenntnis zum Antisemitismus, ist ein argumentativer Vorteil, auf den verzichten zu können ein Gewinn wäre. Dass seit 9/11 das einstmals linke Monopol auf den Antizionismus gebrochen ist, das einzige nahezu ungewandelte Überbleibsel der vielen politischen Programme der Linken seit den späten 60er Jahren, und heute mehr oder weniger automatisch aus einem großen Teil der Bevölkerung in die Internetforen schwappt, mag aus einem abstrakten Abgrenzungsbedürfnis heraus den einen oder die andere davon überzeugen, dass einer kritischen Haltung nichts recht sein kann, wo „Völker“ drauf steht. Aber musste es denn erst so weit kommen, damit die Kritik des Antizionismus ernst genommen wird? Ein genauso ungewolltes Argument ist die unmissverständliche Charta der Hamas bzw. allgemein die Verbreitung des Islamismus, dessen ProtagonistInnen nicht nur offensichtlich antisemitisch motiviert die Auslöschung Israels propagieren, sondern deren Programm auch sonst selbst mit dem gruseligsten linken Programm der „Zärtlichkeit der Völker“ offensichtlich inkompatibel ist. „Der Eintritt von Verhältnissen, die aus dem Begriff abzulesen sind, legt dem Idealisten das Gefühl der Befriedigung, dem historischen Materialisten eher das der Empörung nah. Dass die menschliche Gesellschaft wirklich alle Phasen durchläuft, die als Umschlag des freien und gerechten Tauschs in Unfreiheit und Ungerechtigkeit aus seinem eigenen Begriff zu entfalten sind, enttäuscht ihn, wenn es wirklich so kommt.“ (Max Horkheimer, aus: Autoritärer Staat). Was für den Tausch gilt, gilt für die Subjektform und deren autoritären Phantasien nicht minder.

Die Linke in ihrer Gesamtheit vermeidet negative Begriffsbildung wohl schon allein deshalb, weil Enttäuschungen so enttäuschend sind. Stattdessen verhält sie sich in diesem Zusammenhang verhafteten Tatverdächtigen ähnlich, die genau das zugeben, was ihnen ohnehin schon bewiesen worden ist. Was aber in der individuellen Abwehr gegen staatliche Sanktionsgewalt zumeist rational ist, ist widersinnig, wenn es darum geht zu erreichen, dass die zukünftigen Ereignisse dem Gang der Verhältnisse zu widersprechen beginnen. Dies wäre die eigentliche Aufgabe der Linken, aber genau dazu will sie es im Fall des Nahostkonflikts offenbar auf keinen Fall kommen lassen, während sie in anderen Bereichen wenigstens scheitert(e). Diejenigen, die sich bei der Vermeidung ertappt fühlen, schreiben daher anschließend ins Vorwort des dann obligatorischen Nahost-Readers hinein, dass der Zugang zu diesem „insbesondere aus deutscher Perspektive nicht einfach“ sei. „Typische Fallstricke“ müssten „umgangen werden“, wie beispielsweise kürzlich bei der Rosa-Luxemburg-Stiftung festgestellt wurde. Will heißen: Das allzu offensichtliche Verdrängte soll nicht so offensichtlich bleiben, die Verdrängung soll stabiler werden, wozu es neue Gegenbesetzungen braucht. Damit wird zur einen Seite hin der verdrängte, alte Antisemitismus neutralisiert und damit entschärft, andererseits aber wieder dem Projektionsmechanismus als psychisches Material zugeführt.

Diese Ambivalenz zeigt sich daran, dass alle Diskussionen über linken Antisemitismus mit den Existenzbedingungen Israels – daran wird verbissen festgehalten – wenig bis gar nichts zu tun haben soll. Was außerhalb israelsolidarischer Gruppen vollkommen fehlt, ist die Fähigkeit zur Verallgemeinerung der in den Antisemitismusstreits gemachten Erfahrungen mit sich selbst. Denn es ist ja nicht so, dass die Vorwürfe der KritikerInnen ungehört verhallen würden. Die Verdrängung ist viel zu instabil und prekär, als dass die Kritik einfach ignoriert werden könnte. Insbesondere Vorwürfe, die sich auf die Vergangenheit beziehen, können zeitweilig anerkannt werden. Und irgendwoher müssen ja auch die sprachlichen Codes bezogen werden, in der die Gegenbesetzung kommunizierbar ausgedrückt werden kann. Die Verkehrung des Sinns des Vokabulars der KritikerInnen ist das bevorzugte Mittel, um sich den entgegengesetzten Anteil an der Gegenbesetzung zurecht zu zimmern. Ein beliebtes Beispiel hierfür ist die Beteuerung der Anerkennung des „unhintergehbaren Existenzrechts Israels“ an Stellen, an denen von der schlicht faktischen Existenz und den desaströsen Existenzbedingungen Israels die Rede sein müsste. Ein Recht ist das Resultat einer zwischen formal Gleichen übertragenen Anerkennung an etwas, garantiert von einer übersubjektiven Instanz. Dass Israel seine Existenz einmal in der Form des Rechts zur Geltung bringen kann, ist das Ziel des Zionismus, weshalb dieser an der Illusion der Möglichkeit eines Rechtszustands zwischen Staaten Teil hat, aber Realität ist dies nicht. Nicht einmal in den eingeschränkten Formen, in denen sich andere Staaten zueinander als Mächte verhalten, indem sie sich Kriegsrecht auferlegen. Das „Existenzrecht Israels“ kann gar nicht anerkannt werden, weil die Anerkennung des staatlichen Souveräns, dem dieses Recht zukommen könnte, permanent unterlaufen wird. Es braucht nur einen Blick in die Verlautbarungen des UNMenschenrechtsrats, um festzustellen, dass von Israel im Kriegsfall verlangt wird, sich so zu verhalten wie im Zustand eines durchgesetzten Gewaltmonopols, alles andere gilt als Menschenrechtsverletzung. Gleichzeitig wird von den palästinensischen Gruppen nicht einmal verlangt, sich ans Kriegsrecht zu halten, denn selbst das erlaubt nicht den Beschuss von ZivilistInnen mit Raketen und das militärische Agieren auf zivilem Gelände. Israel wird in diesen Phantasien gnädigst erlaubt, Staat zu sein, wenn dieser Staat alles sein lässt, was einen Staat konstituiert. Das „Existenzrecht“ wird ausschließlich in der (Allmachts-)Phantasie derjenigen verliehen, die beteuern, es anzuerkennen. Und zwar von ihnen selbst. Wer hier „Unhintergehbarkeit“ behauptet, belegt lediglich die Absicht, das eigene Urteil nicht von der Realität trüben zu lassen, in der permanent das Gegenteil bewiesen wird und befürchtet werden muss.

Hieran ist deutlich ersichtlich, wozu es in den üblichen Debatten nicht kommt. Was fehlt, ist der rational zwischen Ich und Außenwelt vermittelnde Schluss vom soeben erfahrenen, eigenen, inneren Anteil am Antisemitismus, der Jüdinnen und Juden in Israel und anderswo bedroht, auf dessen Existenz in der Außenwelt. Darauf also, dass Israel nicht wie jeder andere Staat auch, sondern zusätzlich unter besonderen, vom Antisemitismus geprägten Bedingungen um die Souveränität über sein Territorium kämpft, weswegen diese Souveränität nicht umstandslos zu den Verhältnissen gezählt werden kann, die aus dem Begriff ablesbar sind.

Erst in der so entstehenden, individuellen Distanz zur Welt ist Solidarität möglich – und vielleicht auch einmal das Urteil, das die eine oder andere Entscheidung der israelischen Regierung ungeschickt, überflüssig, kontraproduktiv oder gar illegitim motiviert gewesen ist. Linke Gesellschaftskritik darf bei der Verteidigung israelischer Souveränität freilich nicht stehenbleiben, sondern muss darüber hinaus erklären können, warum sie immer so prekär ist. Antinationale KritikerInnen der Nation könnten hierzu einen Beitrag leisten – und haben dies in der Vergangenheit auch getan, indem sie nachgewiesen haben, dass die nationale Verfassung der Welt als eine der Bedingungen des weltweiten Antisemitismus zu gelten hat –, wäre „antinational“ nicht zum Codewort für „keine Israelfahnen“ geworden.

Dementsprechend wird stattdessen versucht, die Auseinandersetzung mit dem Antisemitismus ohne Gesellschaftskritik zu führen und nach den Regeln von Schuld und Sühne zu bannen. Primär wird das Umgehen der „Fallstricke“ angestrebt, d. h. die Befreiung von entdeckter persönlicher Schuld. Solche, im inneren Erleben präsente Schuldgefühle, müssen nicht unbedingt auf eigene Taten zurückgehen. Es reichen Phantasien oder durch Introjektion wichtiger Bezugspersonen wie Eltern/Großeltern übertragene Schuldgefühle. Solange es ausschließlich um die Behandlung individueller Schuld geht, die gesellschaftliche Basis des Antisemitismus also ignoriert wird, wird das politische Problem im Rahmen genau derjenigen irrealen Allmachtsphantasie gelöst, die zuvor verdrängt, abgespalten und auf Israel projiziert worden war: „Weil mein Antisemitismus auch der Allgemeine war, wird der auch verschwunden sein, wenn ich mich bemühe, seine Äußerungen an mir zu unterdrücken“, ist die zugehörige unbewusste Unlogik. Im Kopf der Linken findet der Antisemitismus immer nur in ihrem Kopf statt. Ihre ProtagonistInnen verhalten sich hier wie Kinder, die sich beim Versteckenspielen die Augen zuhalten, weil sie glauben, sie könnten nicht gesehen werden, wenn sie selbst nichts sehen.

Das klappt selbstverständlich zu beiden Seiten hin nicht. Dass das eigene Vorhaben und der zugehörige unbewusste Gedanke die Welt nicht ändert, ist klar. Aber die Unterdrückung des Schuldgefühls unter Beibehaltung der Allmachtsphantasie führt nicht einmal zum Verschwinden des eigenen Antisemitismus, sondern nur dazu, dass er sich Ausdrucksformen suchen wird, die noch nicht als „Fallstrick“ bekannt sind. An die Stelle der reflektierenden Bemühung, eigene Urteilsfähigkeit herzustellen, tritt sofort wieder die unmittelbare Identifikation mit der Außenwelt in der Projektion. Die Übermacht der psychischen Dynamik von Schuldgefühl und Schuldabwehr, die nicht durchbrochen wurde, kehrt beispielsweise wieder in der gängigen Klage, dass es doch „trotz allem möglich sein müsse, Israels Politik zu kritisieren“. Weil die Übermacht nur unbewusst registriert wurde, setzt sich das unbestimmte Gefühl fest, dass nicht die eigene Unfähigkeit verhindert zu bestimmen, welches Vorgehen Israels geschickt, notwendig oder produktiv wäre, sondern ein ominöses Verbot, gegen das zu rebellieren sei. Das eigene Innenleben wird unmittelbar in die Außenwelt projiziert, indem Israel als Instanz gilt, die des Verbots mächtig ist. Wahrgenommen wird eine äußere Repräsentanz der Macht, mit der das Schuldgefühl zu wirken in der Lage ist. Die Maßnahmen der israelischen Institutionen werden unter dieses Bedingungen dann zwar als geschickt, notwendig und produktiv angesehen, aber wie gehabt eben nicht im Rahmen möglicherweise gerechtfertigter Selbstverteidigung, sondern aus böswilliger Absicht heraus. Und zwar alle Maßnahmen, unabhängig etwa davon, ob Israel Siedlungen errichtet oder den Gazastreifen räumt, alles erscheint als Teil des unwandelbaren „zionistischen“ Prinzips. Das antizionistische Wahrnehmungsschema ist damit endgültig wiederhergestellt. Alle tun nach diesem Prozess der Bearbeitung psychologisch unannehmbarer Konstellationen wieder so, als hätten sie gelernt, als hätten sie Kategorien zur Beurteilung der äußeren Realität, würden aber nur daran gehindert, sie anzuwenden. Entnommen wurden die Kategorien der Kritik, die dazu aufforderte, das Vorgehen Israels im Rahmen des Notwendigen zu beurteilen. Eingebaut in die Gegenbesetzung, sind sie aber so stereotyp wie diejenigen Bilder, mit denen sich die AntizionistInnen überführt fühlten, und von der Beschwerde darüber, dass „Israelkritik“ nicht zugelassen werde, erhoffen sich diejenigen, die sie vorbringen, nur massenpsychologische Bestätigung und damit die Versicherung, dass auch die anderen nicht daran arbeiten, kritikfähig zu werden, damit die Camouflage nicht auffällt. Die Beteiligten „haben Angst davor, ihren Wahnsinn alleine zu glauben“ (DdA, S. 206), weswegen sie sich in Internetforen beunruhigen.

Die Erneuerung der Verdrängung und die Aktualisierung der Gegenbesetzung unter Rückgriff auf die alten projektiven Mechanismen ist aber nicht abgeschlossen, solange nicht auch die vermeintlichen UrheberInnen der Notwendigkeit zur Aktualisierung identifiziert sind. Dass der Anlass zur Beschäftigung zu Beginn einmal die Empörung über die Vorgehensweise der SchlägerInnen war, ist an dieser Stelle dem Bewusstsein bereits wieder entzogen. Daher gilt das Augenmerk nun dem Sachverhalt, dass auf einmal Linke aufgetaucht waren, die mit ihrer Kritik an der ohnehin schon prekären Verdrängung rüttelten. Und weil es im Rahmen der Dynamik von Schuldgefühl und Schuldabwehr – obwohl unwahrscheinlich – prinzipiell auch die seitenverkehrte Möglichkeit gegeben hätte, nämlich den Konflikt zukünftig vermittels der unmittelbaren Identifikation mit Israel zu vermeiden, ist der Ausweg schnell gefunden: Denn genau diese Lösung des inneren Konflikts wird pauschal als einziges Motiv zur Solidarität mit Israel unterstellt, woraus die Gleichung „Antideutsch = Antiimp, nur mit umgekehrtem Vorzeichen“ entsteht. Weil der Antisemitismus damit nicht als Inhalt anerkannt wird, gegen den linke Politik und Gesellschaftskritik vorgehen sollte wie gegen jede andere Form der Herrschaft auch, werden diejenigen, die dies tun, bestenfalls wahrgenommen als Akteure in einem inhaltsleeren szeneinternen Machtkampf. Wenn nicht gleich als neoliberal-neokonservative-trallala-sonstwas, die die Linke spalten wollen.

Mit diesem subjektiven Mechanismus korrespondiert die Debattenstruktur in der Szene, die nach dem ersten Entsetzen zur Rationalisierung drängt. Das hauptsächliche Mittel hierzu ist das auseinander Dividieren von Motiv und Tat. Und an dieser Stelle bestand ein Unterschied zwischen der Situation nach der Verhinderung der Aufführung von „Warum Israel“ und denjenigen der vorherigen Antisemitismusstreits. Der Unterschied ist der, dass die altbekannten SchlägerInnen sich diesmal noch mehr Mühe gegeben haben als sonst, interessierte Missverständnisse beim Blick auf die eigenen Motive zu erschweren. Weder verweigerten sie mit ihrer Blockade, wie mit dem Angriff auf das Freie Senderkombinat (FSK) 2002, gewaltsam die Anerkennung eines Beschlusses, der einigen von ihnen mit einem Sendeverbot die Teilhabe an einer Struktur entzogen hatte, in dem sie selbst Mitglied waren, noch sind sie, wie auf der Demo 2004, gegen TrägerInnen nationaler Symbole vorgegangen. Während die Situation im FSK es ermöglichte, die Gewalt als falsches Vorgehen in einem innerlinken Konflikt zu rationalisieren, der mit Antisemitismus, dem Grund für den Ausschluss, nichts zu tun habe und dem die Machtpolitik einer FSK-internen „Clique“ vorausgegangen sei, beinhaltete die Rationalisierung im Fahnenstreit die Vorstellung, es handele sich bei den Fahnen Israels und der USA um eine gezielte Provokation eines vermeintlich antinationalen Konsenses in der Linken, der zurückgewiesen werden müsse. Nicht, dass diese Rationalisierungen – wie andere gängige Klischees à la „Die denunzieren ja jede Kapitalismuskritik als antisemitisch“ – nicht durchschaubar gewesen sind und nicht durchschaut worden wären. Aber solange nur der Wunsch besteht, bekannte Fallstricke zu vermeiden, interessiert das selbstredend nicht.

Zum Tragen gekommen ist diese Differenz freilich nur insoweit, als sie die Gruppe der Äquidistanten vergrößert hat. Kontroverse Diskussionen über die antisemitische Motivlage bei Verhinderung der Aufführung haben sich diesmal auf breiter Linie erübrigt. Das in der Reaktion auf die Empörung beschlossene Selbstwahrnehmung der BlockiererInnen des b-movie, dass sie nichts gegen „Warum Israel“ hätten, sondern nur gegen die „antideutschen“ VeranstalterInnen und Gäste, scheint als „Argument“ kaum gegriffen zu haben. Sie wurde erkannt als nachträglich vorgebrachte scheinheilige Entschuldigung, welche durch das am Tag der Blockade verteilte Flugblatt gegen den Film widerlegt ist. Stattdessen wurde diese Behauptung von den Äquidistanten mit ungefähr folgendem Gedanken subjektiviert: „Nicht die aus der B5 haben in Wirklichkeit nur etwas gegen ‚die Antideutschen‘, sondern wir, weshalb wir uns glücklicherweise heraushalten können.“

II. Die Eigenarten des Antisemitismus, die diese Konstellation bestimmen
Die in diesem vorläufigen Resultat enthaltene implizite Anerkennung, dass die Kritik des antisemitischen Motivs einen wahren Kern trifft, ist freilich auch wieder nur ein Eingeständnis des ohnehin schon Bewiesenen. Dass es des Rufs „Judenschweine“ bedurfte, um die Trennung von Motiv und Tat zu verhindern und der Kritik des linken Antisemitismus Überzeugungskraft zu verleihen, ist Teil des Problems. Dass dies gerufen wurde, ist ein weiteres jener unwillkommenen Argumente. Bereits der einleitende Satz des Rechfertigungsschreibens der B5 dürfte schon wieder der üblichen Rationalisierung anheimfallen und letztlich für irgendwie plausibel bis unglücklich formuliert befunden werden. Er lautet: „Als bewusste Linke wissen wir, dass das Machtungleichgewicht nicht nur in der Klassengesellschaft, sondern ebenso tief in der rassistischen Aufspaltung der Welt seit der Conquista und der Versklavung besteht – ein System der weißen Dominanz, das auch aus dem Holocaust wieder dominant hervorging. Es erwürgte die antikolonialen Befreiungskämpfe und festigte das Machtverhältnis neu.“

Welche Beurteilungskriterien stehen der Linken hierfür zur Verfügung? Denjenigen, die auf poststrukturalistische Sprach- und Diskurskritik verpflichtet sind, wird hieran missfallen, dass die Formulierung „ein System der weißen Dominanz“ essentialistisch ist und die vielfältigen, diskursiven Formen der Macht nicht berücksichtigt. Dem werden die postcolonial Studis beipflichten und die Fragwürdigkeit der Rede von den erwürgten antikolonialen Befreiungskämpfen ergänzen. Immerhin baut deren ganze Forschung auf der Behandlung der Frage auf, wie sich die Machtverhältnisse festigen konnten, obwohl die kolonialen Befreiungskämpfe ihr Ziel, die Unabhängigkeit der Kolonialstaaten, erreichten. Die Antifa wird darauf beharren, dass das „auch“ den Holocaust relativiert, weil dieser eben nicht eine Maßnahme zur Herrschaftssicherung unter vielen war.

Zutreffende Aspekte, über deren Erörterung mit ziemlicher Sicherheit der verstörende Kern jenes Satzteils vergessen werden wird, der in der Kombination von „auch … aus … wieder“ besteht. Irgendetwas hat sich da also wiederholt, und etwas hat sich wiederhergestellt, aber wer ist da Subjekt von was, und warum musste etwas wiederhergestellt werden? Durch wen oder was war es zuvor angegriffen und/oder soweit besiegt worden, dass die trügerische Ansicht entstehen kann, die Dominanz bestünde nicht mehr?

Die nächstliegende Deutung ist diejenige, dass Deutschland und/oder die Nazis das „System der weißen Dominanz“ sind. Die vernichteten und die überlebenden europäischen Jüdinnen und Juden wären dann Opfer dieser Dominanz gewesen. Plausibel ist diese Erklärung allerdings nicht, denn sie widerspricht sowohl den restlichen Verlautbarungen der VerfasserInnen dieses Satzes als auch dem historischen Verlauf. „Dominant“, ging „aus“ dem Holocaust niemand hervor. Höchstens wurde zeitlich nach ihm die USA zur dominanten Weltmacht. Dann aber hätte es einen Bruch gegeben, das Subjekt der Dominanz hätte gewechselt (von Deutschland auf die USA, die im Zweiten Weltkrieg ja immerhin gegeneinander kämpften), und das System wäre nicht seit „Conquista und Versklavung“ identisch. Und selbst, wenn es sich bei den jeweils „imperialistisch“ agierenden Staaten nur um auswechselbare Stellvertreter des Systems handeln soll: Die passende Formulierung hierfür wäre gewesen, dass der Holocaust eines der schwersten, größten oder was auch immer Verbrechen des Systems der weißen Dominanz war. Dies war die Auffassung größerer Teile der autonomen AntiimperialistInnen im Umfeld der Zeitschrift „Autonomie – Neue Folge“, die problematisch genug ist und die Shoa zu einer bevölkerungspolitischen Maßnahme machen musste. Aber diese Auffassung kann hier nicht gemeint sein. Denn in den restlichen Verlautbarungen der VerfasserInnen sind zudem zwar die USA dominant, aber Israel zählt bei ihnen zweifellos zum System der Dominanz hinzu.

Zudem legt das „aus“ eben nahe, dass die USA nicht gemeint sein können, denn sie waren zwar an der Befreiung der beim Sieg über Deutschland noch lebenden KZ-InsassInnen beteiligt, in ihm aber weder Täter noch Opfer. Für die Sowjetunion gilt das Gleiche, für den Fall dass sich die implizierte Fast-Zerstörung des Systems der weißen Dominanz auf diese beziehen sollte. Das „aus“ wird hier im Sinne von „wie der Phönix aus der Asche“ verwendet und schafft die Verbindung zur faschistischen Implikation des Satzes: Das „System der Dominanz“ wären dann „das Judentum“, der Holocaust wäre ein Versuch gewesen, es zu brechen, danach wäre es aber als Israel wieder dominant hervor gegangen. Die Verbindung wird dadurch geschaffen, dass sich das „wieder“ sowohl auf das zerstörte Deutschland als auch auf die Jüdinnen und Juden beziehen kann.

Auch das freilich haut nicht hin, denn die Deutschen zählen in der Pauschalität, in der hier von „weiß“ die Rede ist, eindeutig zu den Weißen, und Deutschland wird von den AutorInnen auch zum Imperialismus gezählt. Wäre diese Implikation unmittelbar gemeint, würde die antizionistische Vorstellung, nach der Israel ein faschistischer Staat ist, auch subjektiv keinen Sinn machen. Denn FaschistInnen halten auch das bekanntlich für keine Kritik. Gleiches gilt für die dauernden Beteuerungen, „Israel“ dürfe nicht mit „dem Judentum“ gleichgesetzt werden. Denn wenn Israel die wiederhergestellte „Dominanz“ wäre, wären „Judentum“ und „Israel“ ja durch das System hindurch identisch. Wer beteuert, einen Unterschied zu machen, will sich ja gerade von den faschistischen Implikationen des eigenen Denkens distanzieren. Der Vorwurf, keine Differenz zu machen, kommt auch hier wieder von Innen. Denn der tatsächliche politische Vorwurf besteht ja darin, die Notwendigkeit nicht anzuerkennen und damit die tatsächliche Differenz zu negieren, die durch die verteidigungsfähige Existenz des Staates besteht. Ein Vorwurf, der durch Differenzierung aus subjektiver Willkür heraus nicht zu entkräften ist.

Zu einer zufrieden stellenden Deutung wird es auf diesem Weg nicht kommen. Wie beim Israelbild der Neuen Linken macht es auch hier keinen Sinn, dem Satz einen rationalen Zusammenhang zu unterstellen, der anschließend politisch als entweder faschistisch oder als verunglückter Antirassismus eingeordnet werden kann. Er ist beides nicht, weil er wiederum eine Kompromissbildung im gleichen psychischen Konflikt darstellt, diesmal allerdings unter neuen politisch-historischen Bedingungen. Die beiden sich widersprechenden Komponenten des Satzes stehen auch hier wieder für das Verdrängte (der faschistische Gehalt) und das Motiv der Verdrängung (der Rassismus). Für diese Verteilung auf die beiden Pole spricht, dass diejenigen, die es umgekehrt machen, Nazis sind, die in antisemitisch motivierten Bündnisplänen mit dem Islamismus ihren antiarabischen Rassismus beiseite schieben müssen.

Verdrängt werden hier also nicht mehr Faschismus bzw. Antisemitismus in der eigenen Familiengeschichte, und das Motiv der Verdrängung ist auch nicht mehr der Sachverhalt, dass die Neue Linke unter postfaschistischen Bedingungen politisch agieren musste. Verdrängt wird vielmehr, dass die antikolonialen Bewegungen, die im klassischen Antiimperialismus als die Verbündeten gegen das Phantasma Imperialismus = Faschismus = USA = Israel erschienen, also als Garanten gegen das eigene volksgemeinschaftliche Erbe, diese Funktion nicht mehr erfüllen können. Grund hierfür ist, dass der Islamismus spätestens seit den Angriffen auf das World Trade Center weltweit die Deutungshoheit über die antiimperialistischen Phantasien gewonnen hat, weswegen deren regressiver heutiger Charakter auch dort deutlich wird, wo der Islam keine Rolle spielt – symbolisiert etwa durch das Bündnis zwischen dem Iran und Venezuela. Dies ist im Übrigen ein Beleg für den nicht-religiösen Ursprung des Islamismus, der alle Rede von der angeblichen Islamisierung Deutschlands/Europas als Abwehr der Gemeinsamkeiten des westlichen Wertesystems“ mit dem Islamismus und den Begriff Islamophobie als Kulturalisierung gesellschaftlicher Verhältnisse erkennbar macht.

Die Gegenbesetzung bekommt damit eine neue Funktion, weswegen die alte Verdrängung noch prekärer wird, als sie es ohnehin schon war, und in der Ersatzbildung in den Vordergrund tritt. Flapsig formuliert: Die Ersatzbildung hat neue Aufgaben zugewiesen bekommen und kann daher die alten nicht mehr so erledigen wie zuvor. Daher liegt die faschistische Implikation, also der Abdruck des Verdrängten, in dem Satz offen zutage. Zumindest wird der Unterschied zur faschistischen Weltsicht kleiner. Er dürfte aber weiterhin darin bestehen, dass bei FaschistInnen, die über ihre Freude am islamistischen Antisemitismus ihren Rassismus vergessen, Verdrängung und Projektion andersherum verteilt sind. Was durchaus einen Unterschied macht, weshalb es sich selbst hierbei um linken Antisemitismus handelt. Genauer zu prüfen ist wohl auch die These, ob der faschistische Antisemitismus vielleicht ohne die sekundäre, durch Verdrängung entstandene Komponente am Weltbild auskommt, also ohne Gegenbesetzung ausschließlich projektiv funktioniert.

Aber weil der Satz nicht den erneuerten Formen des nationalsozialistischen Antisemitismus entspricht, ist er noch lange nicht nicht antisemitisch. Der linke Antisemitismus, und das macht seine Problematik aus, ist nicht einfach eine Übernahme des Antisemitismus, der im Rest der Gesellschaft herrscht, vielleicht verwässert von sonstigem guten Willen, sondern durchaus eine Eigenproduktion, entstanden aus der Unfähigkeit, angemessen mit der eigenen Marginalität und Ohnmacht umzugehen.

Der Kern der Eingangssätze der B5-Erklärung besteht in einer typischen, undialektischen Entsubjektivierung von Geschichte und Gesellschaft (es geht um ein „System“, das „Kämpfe“ „erwürgt“), die die gängigen linken Theorien und die umlaufenden Theorieversatzstücke zwar beizeiten als falsch zurückweisen, nach deren subjektivem Sinn sie aber nicht fragen können. Zwar wird alles dafür getan, die symptomatische Entsubjektivierung nicht zuzulassen, weil diese absolute Ohnmacht repräsentiert und damit die erwünschte „Handlungsfähigkeit“ untergräbt. Aber nach ihrem realen Gehalt kann dabei auch nicht gefragt werden. Resultat ist, dass in den Theorien, die gegen die Entsubjektivierung arbeiten, spiegelverkehrt dann alles ein Subjekt bzw. in der poststrukturalistischen Variante Subjekte in der Mehrzahl haben muss, um in der Welt präsent sein zu können. Weil in diesem theoretischen Rahmen gar nichts anderes denkbar ist, also weder gesellschaftliche Objektivität in der Außenwelt noch unbewusste Dynamik im Innern, fällt auch nicht auf, dass die auf die Entsubjektivierung folgende Personifizierung des „Systems“ mit realen Subjekten gar nichts zu tun hat. In der plakativen Kurzform: Wer ernsthaft einmal auf die Idee käme, Personen zu suchen, die die Befreiungskämpfe so wie phantasiert „erwürgt“ haben, wird in Relation zu den Phantasien nur liebe Familienväter mit ernsthafter Sorge um Freiheit, Menschheit und Völkerrecht finden.

Dies ist das Kernproblem der linken Theoriebildung in Bezug auf den Antisemitismus, um das es im folgenden Abschnitt gehen wird. In einem ersten Schritt werden diejenigen Eigenarten des Antisemitismus erörtert, die dazu führen, dass der Antisemitismus immer wieder von den in der Linken gängigen Alltagstheoremen und Theorien unerkannt bleibt.

Die Auswirkungen der Stereotypie des Antisemitismus auf die Debatten
Das innerhalb derjenigen Zusammenhänge, die Antisemitismus kritisieren, breit anerkannte Verfahren, um Antisemitismus zu erkennen, ist die Identifikation von stereotypen Denkmustern. Wenn über Jüdinnen und Juden bzw. über Israel im Rahmen aufzählbarer Motive geredet wird, gilt dies als antisemitisch. Beispiele für diese Motive sind etwa „in Verbindung bringen mit Geld“, „Unterteilung der Deutschen in Deutsche und Juden“, „Implikation verschwörerischer Machenschaften“ oder „Beschreibung Israels als faschistischer Staat“. Die Hamburger Erklärung gegen Antisemitismus in der Linken etwa war im Wesentlichen eine solche Aufzählung mit ergänzenden Begründungen.

Da es sich beim Antisemitismus im Resultat tatsächlich um stereotypes Denken handelt, sind die Ergebnisse dieser Vorgehensweise zumeist zutreffend. Weil aber immer nur das Resultat des antisemitischen Denkens identifiziert werden kann, also die assoziative Struktur der Gegenbesetzungen und Projektionen, ist gleichzeitig klar, dass die Liste immer nur im Nachhinein vervollständigt werden kann. Nach dem oben dargestellten Muster also immer dann, wenn ein „Fallstrick“ offensichtlich geworden ist, und d. h. in der Breite genau dann, wenn die politische Situation vergangen ist, der Ersatzbildung und Projektion galten. Solange keine Reflexion auf die allgemeinen Eigenarten stereotypen Denkens und dessen unbewusste Dynamik stattfindet, kann dies auch gar nicht anders sein. Denn zu erkennen, dass einzelne Gedanken und Wahrnehmungen stereotyp sind, ist auf der Sachebene einfach. Erklärt werden muss von der Theorie nicht, dass etwas stereotyp ist, erklärt werden muss vielmehr, warum daran festgehalten wird. Oder noch zugespitzter, warum die Äußerung stereotyper Denkmuster als mutige Einzelleistung erscheinen kann, von der die Auffassung herrscht, dass niemand sie sich zu sagen traute – außer alle. Erkannt werden kann ein Stereotyp also als Stereotyp, wenn das Motiv wegfällt, dessentwegen an ihm festgehalten wird.

Die Struktur der Debatten ist durch diese Eigenarten der Formen, in denen Antisemitismus erkannt werden kann, bereits in weiten Teilen bestimmt. Gestritten wird darum, ob einzelne Äußerungen dem Muster entsprechen bzw. ob einzelne Muster berechtigterweise auf der Liste stehen. Da eine Definition in letzter Instanz keine Einsicht produzieren kann, sondern lediglich ihre Gültigkeit anerkannt werden kann, werden in diesen Diskussionen Kräfteverhältnisse geklärt, aber nicht die Bedingungen, unter denen sich diese ergeben. Daraus erklärt sich bereits auch die für Bündnisbildungsprozesse unübliche Situation, dass von den Beteiligten entweder das Konsenspapier unterschrieben wird, dass auf der Zuordnung von Muster und Verhaltensweisen basiert, oder aber möglichst nichts geschieht. Die übliche „Wir unterstützen dieses, aber nicht jenes, können mit denen nichts machen, veranstalten dann aber selbst das“-Dynamik, die linke Bündnisprojekte üblicherweise umgibt, kommt nicht zustande. Wer der Subsumtion der Äußerungen und Taten unter die Definitionen nicht zustimmen kann, hat nicht eine andere Ansicht zum Thema Antisemitismus, die in einem abweichenden Papier niedergelegt werden könnte, sondern möchte mit dem Thema einfach nichts zu tun haben. Wer etwa in diesem Fall wegen Sexismus mit einzelnen Bündnisgruppen und/oder dem b-movie nichts zu tun haben möchte, was ja nachvollziehbar ist, könnte ja auch einfach zum antisexistischen Block aufrufen. Passiert bei anderen Anlässen doch auch. In Antisemitismus-Debatten hingegen wird immer darum gestritten, ob es den diskutierten Gegenstand überhaupt gibt, nicht darüber, wie er zu beurteilen ist. Dabei kommt die Eigenart zum Tragen, dass diejenigen, die die Nichtexistenz behaupten, ihre Position nicht begründen können, denn dazu müssten die Kriterien der KritikerInnen beschrieben und gedanklich rekonstruiert werden. Damit würde aber das bewusst gedacht werden, das verdrängt zu halten das Ziel der ganzen Unternehmung ist. Zur Verdeutlichung an einem ferneren Beispiel: Jeder Atheist ist in der Lage, religiöse Vorstellungen von der Existenz Gottes wiederzugeben und ihre Unplausibilität nachzuweisen. Fremde falsche Gedanken „müssen doch nicht sein“, sind aber nachvollziehbar. Fremde Gedanken, die sich auf eigenes Unbewusstes beziehen, sind es nicht. Wer wiederum nicht anerkennen kann, dass es den Antisemitismus als Problem gibt, hält bereits die Thematisierung für einen aggressiven Akt gegen die eigene Identität, der böswillig motiviert sein muss.

Eine zweite Eigenart der Methode, den Antisemitismus an seinen Stereotypen zu erkennen, ist die, dass auf diese Art nur diejenigen Formen des Antisemitismus erkannt werden können, die sich gesellschaftlich durchgesetzt haben und damit allgemeingültig sind. Allgemeingültig bedeutet in diesem Zusammenhang nicht, dass ihn alle vertreten, sondern dass durch die Geschichte der Gesellschaft, in der er stattfindet – die heute die ganze Welt umfasst –, ein Zusammenhang zwischen antisemitischer Tat und Motiv hergestellt wurde, der die Identifizierung des Antisemitismus ohne die Reflexion der unbewussten subjektiven Entstehung nicht nur erlaubt, sondern sogar erzwingt. Die Verdrängung ist daher die einzige Form der Nichtanerkennung, die ihn freilich in der Wiederholung des Verdrängten noch einmal bestätigt.

Auch dies ist wie jeder gesellschaftstheoretische Satz nicht überhistorisch gültig, sondern Resultat der Geschichte, die die Shoa möglich machte. Derjenige Antisemitismus, der seit der Shoa das Wesen des Antisemitismus bestimmt, ist zweifellos der nationalsozialistische Vernichtungsantisemitismus. Diese Rolle in der Geschichte des Antisemitismus nimmt der nationalsozialistische Antisemitismus nicht deswegen ein, weil er besonders grausam war, die meisten Opfer forderte usw.., sondern weil er eine Tat darstellte, die darauf aus war, die gesellschaftliche Synthesis durch den Wert zu vernichten. Die Shoa war nicht das Werk einer großen Summe individuell-vereinzelter Psychopathen mit deutschem Nationalcharakter, kein riesiges Pogrom, sondern das Resultat der Organisation der Gesellschaft durch diejenigen, die, „der Subjektivität beraubt […] als Subjekte losgelassen werden“ (Adorno, Theodor W., Horkheimer, Max, Dialektik der Aufklärung, S. 180). Er war gesellschaftliche Psychopathologie im strengsten Sinne des Wortes. In der wahnhaften Organisation der Vernichtung, und nicht in der Produktion des Werts, bestanden die Formen, in denen die TäterInnen an ihrem gesellschaftlichen Zusammenhang festhielten. Dies ist die Bedeutung von Postones Formulierung am Ende seines Aufsatzes „Antisemitismus und Nationalsozialismus“, Auschwitz sei eine Fabrik zur Vernichtung des Werts gewesen.

Der nationalsozialistische Antisemitismus steht also völlig zu recht im Mittelpunkt der Kritik des Antisemitismus, nur trifft seine Kritik nicht jeden Antisemiten und jede Antisemitin. Streng genommen trifft seine Kritik sogar niemanden mehr, weil den AntisemitInnen durch die Befreiung von Auschwitz ihr wahnhafter Bezug zur Realität entzogen wurde. Er wurde allgemeingültig, aber subjektiv ungültig. Jeder subjektive Bezug auf ihn seitdem ist entweder Reflexion oder Wiederholung, beides aber modifiziert ihn notwendigerweise. Die Reflexion modifiziert ihn, indem sie ihn mittels Aufklärung auf diejenigen Bedingungen zurückführt, die auch heute noch gelten, also die Geschichte erkennbar macht, und die Wiederholung modifiziert ihn, weil in ihr die alte Form zum psychischen Material des neuen wird. Sie ist die Manifestation des Willens zur Fortsetzung. In diesem Sinn ist jeder Antisemitismus sekundär.

So, wie kein Individuum mit der Gesellschaft identisch ist, sondern in dialektischem Widerspruch zu ihr steht, ist kein Antisemit und keine Antisemitin mit dem Antisemitismus identisch, und die linken Formen der Wiederholung wiederum unterscheiden sich noch einmal von den anderen. Die Identifikation der Stereotypie kann aber diese Differenz nicht deutlich machen, weil sie auf die Feststellung von Übereinstimmung aus ist. Sie kann daher immer nur denjenigen Antisemitismus treffen, der sich in der Vergangenheit gesellschaftlich durchgesetzt hat. Deswegen die Tendenz sowohl in der Öffentlichkeit als auch in der Linken, jeden manifest werdenden Antisemitismus, sei es islamistischer, sei es linker, faschistisch zu nennen und sich an die SA erinnert zu fühlen. Den KritikerInnen des Antisemitismus entgeht somit, dass es Ziel der antisemitismuskritischen Theorie und Praxis sein muss, diejenigen Situationen zu verhindern, in denen seine Identifizierbarkeit erst entsteht. Eine Leerstelle, die zumeist mit reflexionsloser Identifikation mit Israels militärischer Stärke ersetzt wurde, die glücklicherweise vorhanden ist, an der wir uns aber keinen Anteil herbeischwindeln sollten. Denjenigen wiederum, die mit dem Thema nichts zu tun haben möchten, wird es einfach gemacht, die Identifikation der Stereotype zu verweigern, weil subjektiv ja gesellschaftlich ungültiger, modifizierter Antisemitismus vorliegt, und nicht diejenige vergangene Form, die für die Identifizierbarkeit bürgt. Hier zeigt sich ein Stück des Sinns der geschichtsphilosophischen Abstinenz aktueller linker Theorie, die keine Geschichtsphilosophie einer negativen vorzieht.

Die spezifische Rolle des Unbewussten im Antisemitismus
Weil jeder aktuelle Antisemitismus Wiederholung des vergangenen unter der Bedingung der Verdrängung ist, kann keine Theorie zu Erkenntnissen über ihn gelangen, die sich falsches Denken nur als falschen Inhalt eines freien Willens vorstellen kann. Kein Gedanke kommt ohne eine Wiederholung des Gedachten aus, nur ist es ein Unterschied, ob dies und die damit verbundenen erkenntnistheoretischen Probleme eingestanden werden können oder nicht. Die Meister in der Verleugnung dieses Problems sind die Jünger des Gegenstandpunktes, aber auch die meistens subjektivistisch-anarchistisch motivierten linken Vorstellungen von Freiheit haben hier so ihre Probleme, nur die umgekehrten. Entweder gilt die Reproduktion als völlig problemlos, weil sie mit der wahren eigenen Erkenntnis kontrastiert werden kann, oder aber jede Reproduktion gesellschaftlicher Sachverhalte im Denken gilt bereits unmittelbar als Fortsetzung der Herrschaft.

Wird das damit implizierte bruchlos identische Subjekt zugrunde gelegt, kann es keinen Antisemitismus geben. Es ist aber gerade kein Einwand gegen die Antisemitismuskritik, dass Antisemitismus, der so wie oben aus psychoanalytischer Perspektive beschrieben werden kann, kein „wirklicher“ Antisemitismus ist, weil diejenigen, die ihn äußern, dies nicht wollen. Es gibt keinen anderen, jeder Antisemitismus ist in der beschriebenen Form von unbewussten Denkprozessen bestimmt, bzw. noch allgemeiner ist jeder Bewusstseinsinhalt und jeder Wille sowohl gesellschaftlich als auch durch das Unbewusste vermittelt. Und damit ist auch das Unbewusste gesellschaftlich. Zwar ist das Verhältnis von Bewusstsein und Unbewusstem nicht bei jedem Phänomen gleich, aber in keiner Situation verfügt das Subjekt über eine autonome Substanz, die vom äußeren wie vom inneren Geschehen unberührt bleibt. Wer AntisemitInnen Personen nennen möchte, die sich antisemitische Stereotype willentlich zu eigen gemacht haben, wird am Ende noch die Stereotype verdrängen und in der Theorie unter andere Phänomene verbuchen müssen, weil jede genauere Untersuchung unter dieser Grundannahme ergeben wird, dass es den Antisemitismus gar nicht geben kann.

Auch für das spezifische Verhältnis von Bewusstem und Unbewusstem im Antisemitismus kann ein Absatz aus der Verlautbarung der B5 als Beispiel dienen. Über „Warum Israel“ heißt es dort: „Viele andere Gesichtspunkte, wie den Umstand, dass Israel bis heute für sich keine Grenzen akzeptiert, im Gegensatz zu der palästinensischen Seite, die Israel in den Grenzen von 1948 anerkennt, bleiben genauso unberücksichtigt.“

Was lässt sich hieran erkennen? Mit der gängigen Methode zur Identifizierung antisemitischer Denkmuster lässt sich hieran völlig zu recht feststellen, dass die Behauptung, dass Israel nicht eine bestimmte Grenze nicht anerkennt, sondern „keine Grenzen“, eine Wiederholung des antisemitischen Stereotyps der jüdischen Heimatlosigkeit darstellt. Die Verwendung der Mehrzahl deutet außerdem darauf hin, dass die Verwendung des Wortes „Grenzen“ in diesem Satz doppeldeutig und auch im autoritär-anherrschenden Sinn von „dem Treiben müssen mal Grenzen gesetzt werden“ Bedeutung hat. Denn ein Staat hat im gewöhnlichen Sprachgebrauch zu einem Zeitpunkt nicht mehrere Staatsgrenzen, sondern nur eine Staatsgrenze bzw. einen Grenzverlauf, der um das Staatsgebiet herum führt. (Ausnahmen wie „Deutschland in den Grenzen von 1937“ sind ebenfalls unbewusste Bildungen. Die revanchistische Forderung dieser „Grenzen“ meint gerade nicht die Wiederherstellung des realen Grenzverlaufs, sondern die Beibehaltung des faschistischen Herrschaftsanspruchs über Osteuropa. Wer sie forderte, wollte sie einreißen.) Wäre zumindest sprachlich korrekt formuliert worden, dass Israel noch keinen vorgeschlagenen Grenzverlauf anerkannt habe, wären diese beiden assoziativen Verbindungen entfallen. Das Verfahren zur Identifikation wiederkehrender Muster ist an diesem Punkt allerdings bereits erschöpft. Die Forderung, dass ein Film von 1973 berücksichtigen soll, was Israel „bis heute“ nicht gemacht habe, würde vielleicht noch als Blödsinn erkannt, aber nicht eingeordnet werden. Als Unterschlagung oder Propagandalüge würde gedeutet, dass unberücksichtigt bleibt, dass sämtliche palästinensischen Beschlüsse unter Führung der PLO, die im weitesten Sinn als Anerkennung Israels gedeutet werden können, erst ab 1993 im Verlauf der Osloer Verhandlungen zustande kamen. 1973 galt noch die Fassung der Palestinian National Charta von 1968, in der Israel als „entirely illegal“ bezeichnet wird. Diese Feststellungen sind alle korrekt und nötig, aber bliebe es dabei, würde der Antisemitismus im Wesentlichen auf eine Sammlung falscher Behauptungen heruntergebrochen und aus dem unbewussten Zusammenhang gerissen, der ihn ausmacht.

Denn gerade das Fehlen einer Zeitordnung in dem Satz ist für die Charakterisierung des Antisemitismus von Bedeutung. Wie bereits oben dargelegt, hat die Erwähnung der „Grenzen von 1948“ nicht die Funktion, einen Zeitpunkt in der Geschichte zu bezeichnen, sondern diejenige, der Macht der Sowjetunion psychisch Referenz zu erweisen. Der Blödsinn, den das „bis heute“ produziert, hätte leicht vermieden werden können, wenn es mit einem vorangestellten „übrigens“ in Gedankenstriche gefasst worden wäre. Aber genau das hätte dem Satz seine seltsame Zeitlosigkeit genommen. Wenn Lanzmann vorgeworfen wird, ein Ereignis nicht zu berücksichtigen, das frühestens 20 Jahre nach der Fertigstellung des Films stattfand, und sprachlich alles dafür getan wird, historische Abläufe aus dem Gedanken herauszuhalten, ist dies ein deutliches Zeichen für die Herkunft des Gedanken aus dem Unbewussten. Denn genau dies, Zeitlosigkeit, ist nach Freud, eines der zentralen Charakteristika unbewussten Denkens. Jede Deutung eines Traums, in dem zeitlich völlig unterschiedlich anzuordnende Ereignisse übereinander geblendet werden, belegt dies.

Mit der Zeitlosigkeit einher geht der unlogische Charakter des antisemitischen Denkens, denn das Unbewusste kennt logische Verfahrensweisen genauso wenig wie Zeit. Der Antisemitismus ist aber nicht nur durch unbewusste Prozesse mitbestimmt, wie alle anderen Phänomene menschlichen Denkens auch. Die Charakteristika des Unbewussten werden in ihm zusätzlich auch noch zum Inhalt des Gedachten. Auch dies lässt sich an dem Satz belegen. Denn wäre in den Satz mit der Formulierung „– übrigens bis heute –“ eine zeitliche Ordnung hineingebracht worden, wäre eine weitere Eigentümlichkeit der Formulierung aufgefallen. Denn was bedeutet es, „dass Israel für sich bis heute keine Grenzen“ akzeptiere. Was soll hier das scheinbar einschränkende „für sich“ aussagen? Wogegen grenzt sich die Formulierung ab? Wäre eine zeitlich und räumlich bestimmbare Grenze gemeint gewesen, hätte es „seine“ Grenze heißen müssen. Wenn „für sich“ eine Einschränkung sein soll: Erkennt Israel „für andere“, also wohl für die palästinensischen Gebiete, Grenzen an? Soll es wohl, aber auch das macht keinen Sinn, denn logischerweise wäre jeder Grenzverlauf eines palästinensischen Staates auch ein Teil des israelischen Grenzverlaufs. Es ist unmöglich, die Grenze eines Nachbarn nicht auch als die eigene anzuerkennen. Was hiermit impliziert wird ist, dass Israel die „Grenzen“ zum einen aus eigener Machtvollkommenheit nicht anerkennt und dabei das Sonderrecht beansprucht, sich mit unmöglichen Mitteln über die Realität hinwegzusetzen. Die projizierte jüdische Macht soll die Eigenschaften des psychischen Vorgangs haben, durch den das innere Erleben ins Außen verlagert und dort – nun ja – entdeckt wurde. Die für das antisemitische Projizieren charakteristische Eigenart, den unbewussten Gedanken keiner Realitätsprüfung zu unterziehen, also von der Allmacht der Gedanken auszugehen, wird hier aufs Objekt projiziert. Die Zeitlosigkeit des Unbewussten kehrt auf gleichem Weg als Inhalt zurück. Sie dient im Antisemitismus wie auch im Antizionismus als Quelle, um vermittels einer Umkehrung das vermeintliche jüdische Handeln als ebenso zeitloses, und somit unwandelbares, ewig jüdisches bzw. zionistisches Prinzip zu behaupten.

Daran sollte deutlich werden, auf wie wackeligen Beinen der Versuch steht, in Diskussionen um Antisemitismus in den eigenen Zusammenhängen denjenigen, denen Antisemitismus vorgeworfen wird, mit Formulierungen wie „bewusst oder unbewusst“ produziere dieses oder jenes antisemitische Denkmuster, die Einsicht zu erleichtern. Der Sinn derartiger Formulierungen ist es ja in der Regel, den Kritisierten ein Hintertürchen offen und für sich selbst die Hoffnung aufrechtzuerhalten, dass die Auseinandersetzung glimpflich und ohne schwere Vorwürfe verlaufen kann. Impliziert ist damit, dass Antisemitismus, wenn er bewusst ist, absichtlich und mit bösem Willen verbreitet werden würde, während er, solange er unbewusst ist, leicht korrigiert werden könnte.

Nicht einmal das Gegenteil ist der Fall. Es gibt keinen bewussten Antisemitismus. Selbst in dem Fall, in dem sich AntisemitInnen, wie der radikalere Flügel vor 1945, selbst als „Antisemiten“ bezeichnen, ist zu unterstellen, dass diese den Grund ihres Hasses und ihrer Bilder vom „Jüdischen“ nicht kennen können. Wäre er bekannt ist, dominierte das Unbewusste nicht die Wahrnehmung, und die spezifisch antisemitische Wahrnehmung wäre gar nicht erst aufgetreten. Genau dies kann aber nicht so einfach erreicht werden. Es ist sehr viel schwieriger, etwas Unbewusstes bewusst zu machen, als einen bewussten Gedanken zu verwerfen. Nicht weniger wackelig ist daher die Forderung, sich den eigenen Antisemitismus „bewusst zu machen“. Diese umgangssprachliche Formulierung, die aus dem Antirassismus und dem Antisexismus übernommen wurde, impliziert, dass sich bestimmte Gedanken und Empfindungen besser abstellen ließen, wenn denjenigen, die sie äußern, ihre herrschaftliche Funktion bekannt (= bewusst) wäre. Damit würde aber gerade nicht die Verdrängung bewusst gemacht, die das Verdrängte in gewandelter Form wiederkehren lässt. Bewusstwerdung im psychoanalytischen Sinn ist kein „Das haben die also mit mir getan, und jetzt mach ich da nicht mehr mit“, sondern ein „Aha, ich habe das gemacht/gewollt“.

Damit ist auch deutlich, dass keine Theorie zur Antisemitismustheorie erweitert werden kann, die Ideologie oder spezifischer die legitimierenden Bilder von Rassismus und Sexismus als zwar mit gesellschaftlichem Grund und gesellschaftlicher Funktion versehen bestimmt, individuell aber als Resultat von Sozialisation begreift. Wenn der Antisemitismus nach dem gleichen Muster begriffen werden soll, greift dies ins Leere, denn dieser vermittelt keine subjektive Identität, wie etwa im Rassismus die Differenz von individualisiertem, zivilisierten und gebildeten Ich und namenloser Natur (Vgl. ausführlich hierzu Trumann, Andrea, „Deconstruct Antisemitisms“ Zum unmöglichen Unterfangen, in poststrukturalistischer Manier den Antisemitismus zu begreifen. In: die röteln, Hg., „Das Leben lebt nicht“. Postmoderne Subjektivität und der Drang zur Biopolitik). Genau umgekehrt entindividualisiert vielmehr die antisemitische Projektion die Subjekte, dem Antisemitismus können kein positives Leitbild zur Erziehung und keine Schritte auf dem Weg zur gesellschaftstauglichen Verfassung entnommen werden. Der Anteil von Erziehung und Sozialisation am Rassismus beinhaltet die Aussage „Du sollst so sein, und die anderen sind nicht so“, die Geschlechterdifferenz sagt „Du bist so und brauchst daher die anderen“, während es im Antisemitismus heißt: „Du bist nicht wie die, und damit das so bleibt, müssen sie verschwinden.“ Insofern ist es auch problematisch, Antisemitismus postmodern als eine Form des „Othering“ zu beschreiben, weil es in ihm das entgegengesetzte „Self“ nicht gibt. Zum Antisemitismus führt kein „So musst du sein, Kind, dann bringst du es zu was“, sondern nur ein rechtfertigend pauschales „Irgendwer muss schuld daran, dass wir es zu nichts gebracht haben, denn wir haben uns ja an alles gehalten“. Daher findet sich in der Sozialisation nichts, was die Theorie zur antisemitischen Sozialisation erklären könnte. Zweifellos tauchen auch in Schulbüchern oder Erziehungsratgebern genauso antisemitische Stereotype auf wie rassistische und sexistische, aber deren Übernahme gilt es ja gerade zu erklären und nicht vorauszusetzen.

Die Nähe der Sozialisationstheorie zur Pädagogik und die Abstraktion von den bestimmbar verschiedenen Mechanismen des Selbst- und Fremdbildentwurfs sind zunächst einmal Mängel der Theorie, die am Antisemitismus nur besondere Folgen zeitigen. Zwar liegen auch etwa derAnnahme der patriarchalen Geschlechterrollen konflikthafte unbewusste Prozesse und Identifikationen zugrunde, und die feministische Kritik tut gut daran, diese zu reflektieren. Geschieht dies nicht, verliert die Geschlechtertheorie aber noch lange nicht ihren Gegenstand, denn es gibt ja tatsächlich in Erziehungsratgebern und Alltagsbewusstsein Elemente, denen so gegenübergetreten werden kann: Alles das, was die poststrukturalistische Theorie als Produktivität der Macht beschreibt.

Weil es wiederum den positiven Ansatzpunkt im Antisemitismus nicht gibt, erscheint er immer als Rebellion. Auch dies ist ein wichtiger Punkt, der es der linken Theoriebildung schwierig macht, ihn zu begreifen. Und zwar auch denjenigen Richtungen, die nicht von einem dualistischen Gegensatz vor Herrschenden und Beherrschten ausgehen.

Ohne die Annahme des Unbewussten erscheint der Antisemitismus der Gegenwart nicht als Gegenstand, und von einem Gesellschaftsbild, in dem rationale Erklärbarkeit als Garant dafür gilt, das etwas veränderbar ist, ist die Erkenntnis der Dynamik seiner ständigen Erneuerung und damit die Kritik seiner aktuellen Formen bereits der Konstitution nach verstellt. Dieser Sachverhalt ist für die Einzelnen umso problematischer, je mehr sie sich aus moralischen Gründen genötigt sehen, Vergangenes „wieder gutzumachen“.Die Zurückdrängung des Antisemitismus innerhalb der Linken und die Etablierung seiner Kritik als wichtiges Betätigungsfeld der Linken muss daher mit einer Erneuerung der bestehenden Theorie und Praxis einher gehen, die auch dort nicht halt machen darf, wo der Antisemitismus unmittelbar gar keine Rolle spielt. Aus der Perspektive der Gesellschaftskritik im allgemeinen muss dieser Schritt gemacht werden, weil sie inadäquat sein muss, wenn einer der wesentlichen Mechanismen unbeachtet und verdrängt bleibt, der die Subjekte an die bestehende Ordnung bindet.

Die Antisemitismuskritik ist dazu genötigt, weil in der Dynamik der Antisemitismusdebatten, wie sie bis hierher beschrieben wurde, der linke Antisemitismus immer schon vorausgesetzt ist. Andernfalls könnte er nicht verdrängt werden. Die ganze Kritik des linken Antisemitismus bliebe ein riesiger Zirkelschluss, bei dem vorausgesetzt wird, was erklärt werden soll. Die gesamte gesellschaftliche Dynamik bestünde dann aus Reproduktion des schon bestehenden Antisemitismus, dessen Grund nur noch ontologisch behauptet oder aber wiederum geleugnet werden könnte. Es muss vielmehr stattdessen ein Grund für ihn genannt werden können, der nicht er selbst ist. Dies kann wiederum auch nicht ausschließlich der gesellschaftlich allgemeine Antisemitismus sein, denn dann wäre nicht einsichtig, warum es linke Varianten gibt.

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