Archiv für Juni 2006

Time to Say Goodbye

Die Hamburger Studienbibliothek (HSB) begründet in einem offenen Brief warum sie Ihr Jungle-World-Abo kündigt.

Anlass ist Deniz Yücels patriotischer Leitartikel »Schunkeln, singen, Fahnen schwingen« in der Jungle World-Ausgabe Nr. 25 vom 21. Juni. Die HSB stellt hierzu richtigerweise fest, dass „es immer wieder erschütternd zu sehen ist, dass sich das sozialdemokratische Mitmachbedürfnis spätestens seit 1914 immer in den Momenten regt, an denen sich der deutsche Nationalismus am unverblümtesten zeigt.“

WM-Notausgabe des McGuffin Kassibers

Endlich darf man so richtig gutdeutsch sein und Flagge zeigen. Die Männerfußball-WM 2006 macht’s möglich, Deutschland reiht sich ein in die bunte Kette der Fahnen der Welt.

Deutsch stand seit 1945 für Leichen und Tod, Niederlage und Schande. Die Deutschen trauerten nicht um die Ermordeten, denn sie hatten aus innerster Überzeugung getötet, und deutsch hielten sie weiterhin für ein lebensnotwendiges Organ ihres Körpers. Trotzdem konnten sie nicht so laut rumtönen mit ihrem Nationalstaat, den es nach Auschwitz nicht mehr hätte geben dürfen, oder mit den gleich zwei Stück davon. Jahrzehnte haben sie als gemeinsames Projekt von links und rechts um ein „unbefangenes“ Verhältnis zu ihrer Nation gerungen, was 1999 dank deutsch-rot-grün in den ersten Angriffskrieg nach 1945 mündete. 61 Jahre nach Kriegsende gilt deutsch auf Stolzland zu sein nun als cool. Das Projekt des wiedererstarkten, wiedervereinigten Deutschlands seit 1990 erfährt seine innere Vollendung. Wie es dort drinnen aussieht, führen die grölenden Trupps schwarz-rot-gold bemalter Jungmänner und –mädels ebenso vor wie die FamilienausflüglerInnen zur Großbildleinwand mit deutschlandfarbenen Blumenketten und ebensolchen Trikots. Stolz und aggressiv und nicht freudig sind sie Fans von Deutschland. Spaß hat da niemand. Und wer gar keinen haben will, bekommt, was den Miesmachern gebührt: mindestens auf die Fresse. Gewinnt die deutsche Nationalmannschaft wird dementsprechend nicht gefeiert, sondern spaßpogromt. Die Gewalt ist allgegenwärtig. Schließlich ist seit 1954 der Fußballplatz ein Ersatz für die fehlenden Siege auf dem Feld der Ehre. Männerfußball ist eine ernste Angelegenheit und nach Volk kommt Fan. In der gezwungenen Lässigkeit der Deutschfarben steckt bereits die Drohung: „Wir sind weltoffen patriotisch, nicht trotz sondern wegen unserer Vergangenheit – also kommt uns bloß nicht frech“! Deswegen sollten die Gäste es tunlichst vermeiden den Krieg zu erwähnen, könnten sich doch die so völkerverständigen, gastgebenden Freunde in ihrer Unbefangenheit gestört fühlen. So don’t mention the war, mention the wall! Denn was wurde da alles weggelitten in der Vergangenheit um heute so herrlich normal Gast zu geben. (mehr…)